Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 15.01.2019


Bozen

Menasses “Hauptstadt“ auf der Bühne: Das, was auf dem Spiel steht

Auf den Vereinigten Bühnen Bozen wird Robert Menasses Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ zur berührenden Tragikomödie.

Im Spital Europa: Marie-Therese Futterknecht und Peter Drassl in der Bozner Bühnenadaption von Robert Menasses „Die Hauptstadt“.

© LipusIm Spital Europa: Marie-Therese Futterknecht und Peter Drassl in der Bozner Bühnenadaption von Robert Menasses „Die Hauptstadt“.



Von Joachim Leitner

Bozen – Wirklich ausblenden ließ sie sich auch am zurückliegenden Wochenende in Bozen nicht. Die von durchaus namhaften Vertretern des deutschen Hochfeuilletons zum Skandal hochgejazzte Debatte um Robert Menasses fragwürdige Zitier-Ansätze.

Am Samstagabend kam die Dramatisierung von Menasses Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ als Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen im Stadttheater zur euphorisch akklamierten Premiere. Tags darauf diskutierte der Autor mit dem ORF-Journalisten Andreas Pfeifer ebendort und erneut vor vollen Rängen über die Zukunft der EU. Dabei bekräftigte Menasse, was er davor auch der TT sagte. Die Verdichtung der Gedankengänge des einstigen EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein auf mit Anführungszeichen umrahmte und wortgefechttaugliche „Zitate“ war ein Fehler, für den er sich entschuldige. Den Vorwurf der Fälschung aber weise er von sich: Der Sinn der Aussagen Hallsteins sei nicht verändert worden. Ob sich die Wogen dadurch glätten lassen, der Fokus der zuletzt doch recht hitzigen Einlassungen gar vom Formalen zurück auf Menasses Ideen lenken lässt, ist fraglich. Es muss sich – um ein Bild aus der „Hauptstadt“ aufzugreifen – erst eine neue Sau finden, die sich durchs Dorf treiben lässt.

Wie dem auch sei: Als Bühnenstoff hat sich Menasses Roman bereits in Zürich, Wien und Essen bewährt. Überraschend gut sogar. „Die Haupt­sadt“ ist zwar einigermaßen geradlinig, aber nicht unbedingt einfach erzählt. Außerdem ist der Roman reich an Schauplätzen und Personal. Das Netz der Beziehungen zwischen den Figuren ist engmaschig, bisweilen beiläufig.

In Bozen hat sich Regisseurin Cilli Drexel der von Tom Kühnel und Ralf Fiedler entwickelten Bühnenfassung des Bestsellers angenommen – und diese mutig und mit großem Gespür zurechtgestutzt. Mancher Erzählstrang wird nur noch angespielt. Andere wurden ganz gestrichen. Geschadet hat die Radikalkur nicht. Im Gegenteil: Vor allem das Finale, das auf einen großen Knalleffekt, der sich angeboten, ja aufgedrängt hätte, dankenswerterweise verzichtet, gewinnt durch den Verzicht auf die eine oder andere Ehrenrunde sogar.

In einem Punkt bleibt die Bozner „Hauptstadt“ der Vorlage treu: Auch hier wird auf tragikomische Art davon erzählt, was in Brüssel, in den Behörden und auf der Straße eigentlich nicht funktioniert.

Schon als Roman war „Die Hauptstadt“ weit weniger Manifest, als es manche, die derzeit so hart mit Robert Menasse ins Gericht gehen, gerne hätten. Die heeren Ideen, die vollmundig formulierten Absichtserklärungen, die verzweifelten Forderungen: Sie laufen ins Nichts. Keine Katastrophe wird verhindert. Selbst das groß geplante Geburtstagsfest für die europäische Kommission fällt aus. Und der Grund dafür rückt auf der Bühne noch stärker in den Vordergrund: Auch Eurokraten sind Menschen – und folglich anfällig für das allzu Menschliche. Sie sind berechnend, nervös, hinterfotzig, vorlaut, manchmal aufgedreht, mitunter ungeschickt – und verdammt verletzlich.

Gerade für diese Verletzlichkeit – in der man fraglos auch die gegenwärtigen Gefährdungen des Europäischen Projektes erkennen kann – findet Drexel schlüssige Bilder. Alle Figuren sind Versehrte. Manchen sieht man die Gebrechen an – ein Schweinefleisch-Lobbyist (Peter Schorn) wird auf offener Bühne bandagiert. Anderen – der Kommissionsbeamtin Fenia Xenopoulou (Lisa Weidenmüller) etwa – nimmt man das Bemühen ab, sich ja nicht anmerken zu lassen, woran das eigene Ego krankt. Alle sind bemüht, Europa für die eigene Karriereplanung zu nutzen. Und alle laufen Gefahr, aus dem Blick zu verlieren, was am Beginn der Europäischen Idee stand: das „nie wieder“ nach zwei Weltkriegen und industrialisiertem Massenmord in Auschwitz, Mauthausen, Jasenovac und anderen Vernichtungslagern. David de Vriend (Peter Drassl) hat das Unvorstellbare er- und überlebt. Er ist das eigentliche Zentrum des Stückes: ein Greis, dessen einsames Ableben keine Nachricht wert ist, weil die Zeitungen damit beschäftigt sind, jener Sau einen Namen zu geben, die gerade durch Brüssel jagt. Die, die bereits tags darauf kein Schwein mehr interessieren dürfte.

Das beinahe geschwätzige, aber ähnlich glücklose Gegenstück zum schweigenden Holocaust-Überlebenden ist übrigens ein österreichischer Professor (Marie-Therese Futterknecht), der seine These eines nachnationalen Europas mit sich überschlagender Stimme vorträgt. Von seinen Zuhörern erntet er keine Reaktion. Nicht einmal Ablehnung. Sondern Desinteresse. „Die Hauptstadt“ ist kein bemühtes Lehrstück. Und auch kein verkopftes Thesen-Theater. Vielmehr macht die Produktion auf bodenständig berührende Art deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn das Interesse an Europa schwindet.