Letztes Update am Fr, 18.01.2019 10:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Florian Scheuba im TT-Gespräch: „Lügen sind keine Meinung“

Mit den „Staatskünstlern“ gastierte Florian Scheuba zuletzt im Treibhaus. Ein Gespräch über Angriffe von rechts, absolute Außenseiter und Landeshauptleute als Achillesferse.

Ende Jänner präsentiert Florian Scheuba sein aktuelles Soloprogramm in Innsbruck.

© Thomas Boehm / TTEnde Jänner präsentiert Florian Scheuba sein aktuelles Soloprogramm in Innsbruck.



Herr Scheuba, ich fand Ihr aktuelles Buch „Schrödingers Ente“ aufschlussreich – und sehr unterhaltend. Droht mir ein böser Leserbrief des freiheitlichen Mediensprechers Hans-Jörg Jenewein, wenn ich diese Einschätzung in die Zeitung schreibe?

Florian Scheuba: Vielleicht sogar eine offizielle Pressemitteilung, wie nach dem ZiB-Beitrag über das Buch (lacht). Es ist klar, dass es bei solchen Aktionen nicht um das Buch oder um mich geht. Die Empörung ist ein Zeichen. Eines der vielen kleinen Signale an den ORF. Das Ziel ist dabei nicht, dass ein Zeit-im-Bild-Beitrag widerrufen wird, sondern dass sich ein Redakteur, eine Redakteurin bei einem kritischen Thema denkt: „Das mach’ ich lieber nicht.“

Florian Scheuba mit Robert Palfrader.
Florian Scheuba mit Robert Palfrader.
- Thomas Boehm / TT

Es geht also darum, ORF-Journalisten zu verunsichern?

Scheuba: Auch, ja. Wenn ­Alois Steger (freiheitlicher Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats; Anm.) Armin Wolf vorwirft, er stelle „unbotmäßige Fragen“, dann mag das Armin Wolf nicht verunsichern – aber vielleicht andere Redakteure.

Wirklich wehren können sich die ORF-Mitarbeiter gegen solche Angriffe nicht.

Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer.
Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer.
- Thomas Boehm / TT

Scheuba: Sie können klarstellen, dass die Kritik unbegründet ist. Aber das ist, wie die meisten Richtigstellungen, nicht so interessant. Weil es ja – wie gesagt – nicht um die Sache selbst geht. Ich kann diese Vorgänge ansprechen, weil ich kein ORF-Mitarbeiter bin.

Da Sie in ORF-Sendungen zu sehen sind, könnte der Eindruck entstehen.

Scheuba: Ich war drei Monate lang ORF-Mitarbeiter. Mit 19 Jahren moderierte ich das damalige Jugendmagazin „Okay“. Das ist 34 Jahre her. Seither bin ich das, was man einen freien Unternehmer nennt. Also durchaus empfänglich für unternehmerfreundliche Politik. Ich bin auch nicht der Meinung, dass es beim ORF nichts zu kritisieren gibt. Aber was wäre die Alternative zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Die Alternative ist kein Super-ORF, sondern gar kein ORF.

Thomas Maurer.
Thomas Maurer.
- Thomas Boehm / TT

Privatsender argumentieren damit, dass sie ohne öffentlich-rechtliche Mittel auch so genannten Public Value produzieren.

Scheuba: Darüber kann man diskutieren. Aber über eines kann man nicht diskutieren: Der ORF darf nicht aus dem Budget finanziert werden. Dann würde er tatsächlich zu dem werden, was ihn derzeit manche schimpfen: ein vollkommen abhängiger „Staatsfunk“. Was mir in der ORF-Debatte zu kurz kommt, ist der Hinweis, dass es dabei nicht nur um den ORF geht.

Inwiefern?

Scheuba: Da hängt so viel dran. Die Kreativwirtschaft, Filmemacher, Autoren ...

... Kabarettisten?

Scheuba: Kabarettisten sind selbst in der Kreativwirtschaft absolute Außenseiter. Aber es gibt in Österreich viele, die etwa in der Filmbranche Herausragendes leisten. Wenn es den ORF nicht mehr gibt, ist auch für die der Ofen aus.

Gemeinsam mit Robert Palfrader und Thomas Maurer standen Sie zuletzt als „Staatskünstler“ in Innsbruck auf der Bühne. Den Jahresrückblick der „Staatskünstler“ im ORF gab es 2018 aber nicht. Warum?

Scheuba: Die Möglichkeit eines Jahresrückblicks 2018 wurde uns mehrfach in Aussicht gestellt. Aber vielleicht in einem anderen Setting, hieß es, weil der ORF ja sparen muss. Dabei kostet die Sendung fast nichts. Es war natürlich etwas frustrierend, weil ja gerade so viel los ist in Österreich, das dringend besprochen werden sollte. Es wäre unsportlich gewesen, es nicht zu machen. Deshalb sind wir auf Tour gegangen – für den Herbst haben wir uns außerdem fix vorgenommen, ein neues Programm zu schrei­ben.

Bedauern Sie, dass es „Wir Staatskünstler“ nicht mehr im TV gibt?

Scheuba: Als wir das Konzept dem ORF angeboten haben, hieß es drei-, viermal, dass die Sendung fix sei – und dann wurde sie doch abgesagt. Deshalb haben wir die „Staatskünstler“ immer auch als Bühnenformat entwickelt. Solange die Show auf Sendung war, war der Zuspruch groß. Auch innerhalb des ORF. Obwohl wir uns mit dem offensiv selbstkritischen Ansatz sicherlich nicht nur Freunde gemacht haben.

Gab es Versuche, auf den Inhalt der Sendung Einfluss zu nehmen?

Scheuba: Es mag auch im ORF Widerstände gegeben haben, aber keinen Versuch der Einflussnahme. Der einzige Interventionsversuch kam aus Niederösterreich, als wir uns mit der Erwin-Pröll-Privatstiftung beschäftigten. Landeshauptleute scheinen überhaupt eine Achillesferse zu sein: Dass es einen Zusammenhang zwischen der dritten Staffel von „Die 4 da“ und dem Sketch „Der Landeshauptmann von Mittelösterreich“ gibt, kann ich nicht ausschließen. Der Sketch war die letzte Folge der zweiten Staffel. Und eine dritte gab es nicht mehr.

Bisweilen scheint die Realität zur Parodie ihrer selbst zu werden. Ist Ihre Arbeit in Zeiten von Donald Trump und Co. schwieriger oder leichter geworden?

Scheuba: Zunächst gibt es einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Die Bezeichnung Satire wurde zuletzt missbräuchlich verwendet: Wenn H.C. Strache Armin Wolf beschimpft – und dann sagt, es sei Satire gewesen, ist das natürlich keine Satire. Auch bei der Satire muss man inzwischen überprüfen, was echt ist und was nicht. Auch deshalb habe ich mein jüngstes Buch geschrieben. Der Untertitel lautet ja „Warum eine Lüge keine Meinung ist“. Und darum geht es im Grunde: Man kann nicht sagten: Ich bin der Meinung, dass bei Trumps Amtseinführung mehr Zuschauer waren als 2009 bei Obama. Das ist keine Meinung, sondern falsch. Als Satiriker muss man inzwischen auch sicherstellen, dass Satire als Satire erkannt wird.

Das Gespräch führte Joachim Leitner