Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.01.2019


Mozartwoche

Salzburger Felsenreitschule: Mozart lässt sich nicht erklettern

„La fura dels baus“ eröffnete mit „T.H.A.M.O.S“ die Salzburger Mozartwoche

In der Felsenreitschule wurde Mozarts Frühwerk „Thamos, König von Ägypten“ zur Vorlage für einen wirren Science-Fiction-Thriller-Mythos.

© BausIn der Felsenreitschule wurde Mozarts Frühwerk „Thamos, König von Ägypten“ zur Vorlage für einen wirren Science-Fiction-Thriller-Mythos.



Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Groß war der letzte Festspielsommer an der Salzach, vor allem Romeo Castelluccis „Salome“ wurde zum Hit, sicher auch wegen der Felsenreitschule. Castellucci mauerte die berühmten Arkaden zu und zeigte eine sehr intensive Mediation über Richard Straussens rauschhafte Oper. Schnee von gestern. Zur Eröffnung der Salzburger Mozartwoche, die erstmals der Autor, Regisseur und Sänger Rolando Villazón leitet, zeigt die katalanische Theatertruppe „La fura dels baus“, was man mit der Reitschule noch alles anfangen kann – und besser bleiben lassen sollte. Da fliegen sinnfrei echte Menschen und projizierte Steine, Schlangen, Stangen durch die Luft, die Arkaden krachen immer wieder in Video­loops zusammen. Im Bühnenhimmel wird akrobatisch geturnt, seltsame, futuristische Wesen schleichen herum, dann gibt es hier ein bisschen Filmgeflimmer, dort einen echten Feuerknall mit entsprechender Duftnote, der freilich die Feinstaub­belastung in der näheren Umgebung ungemein nach oben jagen dürft­e. Sitzt man wie der Rezensent vorne rechts, so berühren einen bisweilen Choristen in Clochard-Kostümen sanft an der Schulter.

Die Vorlage des Ganzen ist „Thamos, König von Ägypten“, eine Schauspielmusik des damals siebzehnjährigen Mozart, es geht um Macht- und Liebeskämpfe, der Titelheld ist dabei einer der Guten. „La fura dels baus“-Anführer Carlus Padrissa macht daraus eine völlig wirre Science-Fiction-Thriller-Mythos-Handlung, mit Militärputsch und Sternenhimmel, versklavtem Volk und esoterischen Führerfiguren. Padrissa nennt den Abend T.H.A.M.O.S. Das T steht dabei für den wilden Strom-Ingenieur Nikolai Tesla, also gibt es eine Maschine, die – Zitat Programmheft – „die unerschöpfliche Energie der Natur in Lebenskunst verwandelt“. Das ist noch der geringste Murks bei diesem vollständig verquasten Quatsch. Die Thamos-Musik (sehr elegisch, in den Chorpassagen gibt es opulente Affirmation, aber auch dunkel sattes Mahnen) kommt dabei eher am Rande vor, offenbar misstraut man ihr und so singt der eigens für drei Nummern eingeflogene Bassist René Pap­e schon mal Sarastros „In diesen heilgen Hallen“ aus der „Zauberflöte“. Auch sonst gibt es allerlei anderes, ins Ohr stechen vor allem kitzlige Brummelklänge von ‚Roboterinstrumenten‘. In mehreren Sprachen werden außerdem Gedichte rezitiert, eindrucksvolle Sätze sind da zu hören wie „Bade die Vulkan­e der Wut mit Sperma!“. Den Energie­forscher Tesla/Thamos singt Nutthaporn Thammathi, er macht das recht gut, nur wenn er auf einem komischen Gefährt weit oben in dünner Luft schwebt, bekommt er auch vokale Höhenprobleme. Der Salzburger Bachchor schlägt sich trotz ständiger Herumlaufaktionen wacker, Alondra de la Parra sorgt am Pult der Camerata Salzburg für einen mal sehr feinen, mal kräftigen, leicht grobkörnigen Klang. Allzu oft wird die Musik leider durch die diversen Bühnenaktionen regelrecht zertrampelt. Am Ende gibt es – irgendwie – eine Art Utopie mit neuer Gesellschaft, anderen Räumen etc. Vorher wurde noch der Baum der Unwahrheit gefällt – bitte nicht nachfragen ... Das Fazit: Mozart lässt sich nicht erklettern, zumindest nicht so!