Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.01.2019


Bühne

Lautes Rauschen im Netz-Wald

Österreichische Erstaufführung: Maria Milisavljevic liefert mit „Beben“ den diffusen Sound zum Hier und Jetzt.

Sie schießen scharf mit M. Milisavljevic? Worten: Marta Kizyma und Martin Vischer als verlorene Jäger im Medien-Dschungel.

© Reinhard Werner/BurgtheaterSie schießen scharf mit M. Milisavljevic? Worten: Marta Kizyma und Martin Vischer als verlorene Jäger im Medien-Dschungel.



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Die 1982 geboren­e deutsche Autorin Maria Milisavljevic lässt in der Rollenbestimmung ihres Stückes „Beben“ weitgehend offen, welches Personal aus ihrer dialogischen Textfläche geschält wird. Fixstern und abgeklärter Meister ihres dystopischen Universums ist der „Mann an der Kant­e von Ulro“. Er ist eine Referenz an den englischen Dichter William Blake, dessen Land Ulro ein Reich der Toten, der wahnhaften Ideen und der wie immer gearteten Utopien vorstellt.

In der kleinen Nebenbühne des Burgtheaters, dem schmucken Vestibül, hauchte nun die seit einigen Jahren am Haus als Regieassistentin tätige Anna Stiepani dem beim Heidelberger Stückemarkt 2016 prämierten und in Deutschland schon mehrfach inszenierten Theatertext neues Leben ein. Zwei Schaukästen (Bühn­e und Kostüme: Thurid Peine), die eher an museale Vitrinen als an deren zeitgemäße Entsprechung – Auslagen für alles und jeden in Bildschirmform – erinnern, sind die Aneinander-vorbei-Begegnungsorte der Protagonisten. Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer verkörpern diese Kinder unserer Zeit, immer bereit, die im Sekundentakt nachgereichten Häppchen am medialen Buffet gierig zu verschlingen.

Seelische Verdauungsprobleme und Übersättigung werden für den vermeintlichen Informationsgewinn in Kauf genommen. Maria Milisavljevic’ „Beben“ definiert die digitale Gegenwart als Endzeit und lässt ihr Personal, einigermaßen befremdlich, sanften Auge­s zurück in die „analog­e“ Ära der 1980er-Jahre blicke­n.

Aktuell sehr chic, abseits von Schulterpolster, Karottenhose und schrägem Vokuhila jedoch geprägt von Reagan, Thatcher, Kohl, erstem Golfkrieg und Tschernobyl.

Aber träumen sei erlaubt, dramaturgisch sorgt das Ausbüchsen in die Vergangenheit für Erholung vom Dauerfeuer der Informationsschnipsel, dem das Publikum ausgesetz­t ist.

Syrienkrieg, die Toten im Mittelmeer, Umweltkatastrophen und Klima­wandel, Katzenvideos und die Lieblingsspiele im virtuellen Kosmos: Geschossen wird aus vollen, sprachlich durchaus gekonnt gedrechselten Rohren, einmal flapsig, dann hochernst, allerdings zunehmend ermüdend.

Das Abdriften in eigen­e Gedankengefilde kann auch der Chefzyniker des mit 75 Minuten kurzen Abends, besagter, in Zottelpel­z gehüllter Mann an Ulros Kante (Daniel Jesch), nicht verhindern. Das Bad in Endzeit-Lust ist nicht abendfüllend. Oder, um mit Hildegard Knef zu sprechen: Wenn das alles ist, dann lass uns (natürlic­h nachhaltig!) lebe­n.




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