Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.02.2019


Bühne

Sprach-Jazz in der Jersey-Bar

Zur Uraufführung von Fiston Mwanza Mujilas „Zu der Zeit der Königinmutter“.

Gertraud Jesserer liebt Bühnen-Sprach-Experimente.

© Elisabeth Gruber/BurgtheaterGertraud Jesserer liebt Bühnen-Sprach-Experimente.



Wien – „Ich komponiere meine Texte wie ein Jazzmusiker“, beschreibt der 1980 im kongolesischen Lubumbashi geborene und seit 2009 in Graz beheimatete Autor Fiston Mwanza Mujila seinen Zugang, literarisch mit Sprache umzugehen. Wie eine Partitur erscheint auch das erste auf Deutsch verfasste Stück des mit Französisch und Swahili zweisprachig aufgewachsenen Schriftstellers. „Zu der Zeit der Königinmutter“ wird heute am Wiener Akademietheater unter musikalischer Begleitung durch ein Jazz-Ensemble um Saxophonist Patrick Dunst und mit Schauspielergrößen wie Gertraud Jesserer und Markus Hering aus der Taufe gehoben.

Wie schon in seinem Roman „Tram 83“ (derzeit in einer hochgelobten Bühnenadaption am Grazer Schauspielhaus zu sehen) stellt Mwanza Mujila über die Folie eines bizarren, von Nationalität, Geschlecht und Herkunft losgelösten Mikrokosmos Fragen nach Gnade und Desaster menschlicher Existenz.

Was erzählen die Gestalten in der heruntergekommenen New-Jersey-Bar? Jene, die den schönen Zeiten in dem einst prosperierenden Bergbauort im Irgendwo nachhängen, in denen die titelgebende Königinmutter als „Schutzmantel-Madonna“ über Wohl und Wehe der Glückssucher, Pros­tituierten und sonstigen Geschöpfe wachte.

„Es ist ein Stück über die Notwendigkeit, sich Geschichten zu erzählen. Die Figuren stehen, egal, in welcher Realität man es ansiedelt, am Rand einer Gesellschaft. Sie müssen sich irgendwohinträumen und, was das Stück so schön macht, sich Vergangenheiten entwerfen.“ So der aus dem westfälischen Münster stammende Burgschauspieler Philipp Hauß, der nach einigen Inszenierungen an kleineren Theatern nun die erste Regie an seinem Stammhaus verantwortet.

Fasziniert zeigt sich Hauß, der zurzeit in Joseph Roths „Radetzkymarsch“ oder Ayad Akhtars „The Who and the What“ auf der Bühne steht, vom Ineinander der gedanklichen wie musikalischen Ebenen der Sprache in „Zu der Zeit der Königinmutter“.

Voraussetzung für eine gelungene Umsetzung sei die gemeinsame Entwicklung des Stückes, die Einbindung aller Beteiligten und, so der Regisseur weiter, die offensichtliche Begeisterung des Darsteller-Ensembles für neue Texte.

Philipp Hauß, der sich auch als Ensemblesprecher engagiert, bleibt dem Burgtheater in der im Herbst beginnenden Intendanz von Martin Kušej erhalten. Die medial vielfach kritisierte Kündigung langjähriger Kollegen sieht er als „zweischneidiges Schwert“ und ist gleichzeitig befremdet darüber, „wie versucht wird, schon jetzt Aufregung zu stiften, Stichwort „Regie-Berserker“. (lietz)