Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.02.2019


Bühne

Oper mit starker Sogwirkung

Österreichische Erstaufführung von Johanna Doderers „Liliom“ am Landestheater. Stimmungsvolle Musik, leidenschaftliche Sänger und ein spektakuläres Bühnenbild ergeben ein ansehnliches Gesamtprodukt.

Unheilvolle Beziehungsmuster, die sich immer weiter fortsetzen, einer Spirale gleich. Die imposante Bühne mit Liliom (Daniel Prohaska) und seiner Tochter Luise (Anna-Maria Kalesidis), flankiert von Wiltener Sängerknaben.

© TLT/LarlUnheilvolle Beziehungsmuster, die sich immer weiter fortsetzen, einer Spirale gleich. Die imposante Bühne mit Liliom (Daniel Prohaska) und seiner Tochter Luise (Anna-Maria Kalesidis), flankiert von Wiltener Sängerknaben.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Johannes Reitmeier, sonst der „Mr. Gelassenheit“ in Person, gleicht einem Nervenbündel. Treppauf, treppab düst der Intendant des Tiroler Landestheaters durch das Große Haus seiner Spielstätte. Er wirkt, als könne er gar nicht stillstehen vor lauter erhöhtem Puls. Es ist ja auch Samstag, Premierenabend – und der Chef höchstpersönlich steht dabei in der Auslage: Reitmeier führt Regie bei Johanna Doderers Oper „Liliom“.

Führende Köpfe anderer Häuser sind zugegen, um mitzuerleben, wie es dem Innsbrucker Ensemble ergeht. Auf der Suche nach neuem Stoff sind Theaterleute ja immer. „Liliom“, basierend auf dem Theaterstück des Ungarn Ferenc Molnár von 1909, wird erstmals in Österreich in der Opernfassung auf die Bühne gebracht, nach der Münchner Uraufführung 2016 am Staatstheater Gärtnerplatz. Von dessen Leiter Josef E. Köpplinger, wie Doderer aus Österreich, stammt das Libretto.

Moderne Oper ist ein dehnbarer Begriff und ein Schreckgespenst für Freunde des klassischen Opernkanons. Doch Johanna Doderer, Jahrgang 1969 und eine Verwandte des Schriftstellers Heimito von Doderer, gab im Vorfeld Entwarnung: Sie wolle mit Musik unterhalten und berühren, schickte sie voraus.

Lust auf allzu gewagte Experimente hat Doderer in „Liliom“ tatsächlich nicht. Ihre Klangkulisse bietet vielmehr anregende Nahrung für die Ohren: freudvoll begleitend, von heiteren, ja fast himmlischen Harfen- und Klavierklängen bis hin zu heftigem Gepauke, wenn Unheil naht.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Stefan Klingele arbeitet Doderers Partitur blitzsauber ab, mit feinem Gespür für Nuancen und die richtige Dosis Dramatik. Zwei Chöre und die Wiltener Sängerknaben werden zusätzlich aufgeboten, ein vielstimmiges Spektakel. So rückt die Musik ganz unaufdringlich in den Vordergrund, ehe uns das besungene Geschehen auf den Boden der Realität zurückholt. Und der ist bekanntlich hart.

Die Sängergarde ist ordentlich gefordert. Arien im gewohnten Sinn gibt es nur ansatzweise. Rezitative und gesprochene Passagen transportieren Handlung, dazwischen lässt Doderer den Akteuren aber auch Raum, um sängerisches Potenzial zu entfalten. Stimmliche Grenzen werden ausgelotet und fallweise auch erreicht.

Titelfigur Liliom ist der prollige Ausrufer eines Ringelspiels im Wiener Prater, ein Macho mit Halbstarken-habitus, ein Kleinganove und Raufbold, der sich mit Männern prügelt und Frauen schlägt. Tenor Daniel Prohaska legt Liliom als Ungustl an, als testosterongesteuerten Drischdrein, der laut wird, bis sich die Stimme überschlägt.

Warum solch einem Mistkerl die Frauenherzen nur so zufliegen, darüber können wir Männer bloß rätseln.

Den liebreizenden Kontrast bilden zwei Sopranistinnen. Judith Spießer lässt als Julie ihre wunderschöne Stimme erstrahlen, am meisten so im „Schlaflied“ für den sterbenden Liliom, der sich das Messer in den Bauch rammt, um seiner Verantwortung zu entgehen, auch für das Kind, das er mit Julie gezeugt hat. Herrlich naiv und unbeschwert, ein junges Ding im besten Sinn, ist Sophia Theodorides als Marie, Julies Freundin.

Eine toughe Dame mit Reitgerte und derbem Vokabular funkt auf das Heftigste dazwischen: Landestheater-Urgestein Susanna von der Burg fühlt sich merklich wohl in der Rolle von Frau Muskat. Letztere ist Besitzerin des Ringelspiels, das sinnbildlich steht für ein Beziehungsmuster, das sich ständig wiederholt. Aufgedonnert erscheint Muskat, um den abtrünnigen Liliom zu verführen. Auch sie ist ihm längst verfallen.

Ein Meisterstück ist die Bühne, konzipiert von Thomas Dörfler: eine ausgeklügelte Konstruktion aus Holz und Stahl, die wie ein gigantisches Lüftungsrohr wirkt und den (Sprech)gesang akustisch unterstützt. Dieser Bau, in der Schlussszene zu einer Art Spirale verschoben, entwickelt gehörige Sogwirkung auf die Betrachter in den Rängen. Die Zuseher werden gleichsam ins Stück hereingeholt, es gibt kein Entrinnen.

Lohn des Bemühens nach drei Stunden: langer Applaus, mehrere Vorhänge, zahlreiche Bravos. Und der Puls von Herrn Reitmeier dürfte sich dem Normalzustand allmählich wieder annähern.




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