Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.03.2019


Bühne

„Alles für‘n Hugo“: Ein Risiko mit Knallernummer

Katharina Straßer wagt sich auf neues Terrain: Mit dem von ihr mitgeschriebenen und produzierten Stück „Alles für’n Hugo“ gastiert sie nächste Woche im Innsbrucker Treibhaus.

Publikumsliebling Katharina Straßer (mit Pianist Boris Fiala) als Cissy Kraner.

© Rita Newman/RabenhofPublikumsliebling Katharina Straßer (mit Pianist Boris Fiala) als Cissy Kraner.



Von Joachim Leitner

Innsbruck, Wien – „Manchmal muss man etwas riskieren“, sagt Katharina Straßer. „Und manchmal muss man einen Tisch kaufen.“ Straßer weiß, wovon sie spricht. Sie hat kürzlich beides getan. Das Risiko hat einen Namen: „Alles für’n Hugo“, ein Bühnenstüc­k, das Straßer gemeinsam mit dem Regisseur Andy Hallwax­x und dem Pianisten Boris Fial­a entwickelt und produziert hat. Straßer spielt darin Cissy Kraner. Das Leben der großen Wiener Sängerin und Volksschauspielerin steht im Mittelpunkt des Bühnensolos mit Klavierbegleitung. Als Requisit dient ihr dabei unter anderem der frisch erstandene Tisch.

Ende Februar hatte „Alles für’n Hugo“ im Wiener Rabenhof-Theater Premiere. Aber ganz abgelegt hat die 34-jährige Tirolerin ihre Nervosität auch nach der umjubelten Uraufführung nicht. Was wiederum mit Tirol zu tun hat. Am Samstag, 16. März, gastiert Katharina Straßer mit „Alles für’n Hugo“ im Innsbrucker Treibhaus. Ein Heimspiel also. „Aber keine gemähte Wies’n“, findet die Schauspielerin. Allerdings nicht, weil der neue Tisch hier aus logistischen Gründen durch einen Bierzelttisch ersetzt werden muss: „In Wien ist Cissy Kraner noch immer vielen ein Begriff – und die Lieder, die ihr Lebens- und Bühnenpartner Hugo Wiener für sie komponiert hat, sind nach wie vor populär. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch für Tirol gilt“, sagt Straßer im TT-Gespräch. Sie gibt sich trotzdem optimistisch, „schließlich schaut man sich ja auch Mafia-Filme an, obwohl man nicht jeden Mafioso kennt“.

Katharina Straßer kennt Cissy Kraner inzwischen sehr gut. Das Kennenlernen selbst allerdings sei aber ein eher zufälliges gewesen. „Im Rahmen des Programms ‚Wien für Anfänger‘ habe ich auch Kraner-Lieder gesungen. Und nach einer Vorstellung hat mich eine im allerbesten Sinne ‚Narrische‘ darauf angesprochen.“ Die Narrische stellte sich als Karin Sedlak vor, Theaterwissenschafterin, Biografin von Cissy Kraner und Hugo Wiener und Verwalterin des umfangreichen Nachlasses der 2012 im Alter von 94 Jahren verstorbenen Sängerin. Straßer: „Karin fragte mich, ob sich da nicht was machen ließe. Mein Interesse war geweckt. Nach der Lektüre von Kraners Biografie war ich in die Idee verliebt.“

Eines war für die in Rum geborene Schauspielerin, die als Maja in der ORF-Krimiserie „Schnell ermittelt“ zum Publikumsliebling wurde, klar: „Der Stoff ist zu gut für einen weiteren Lieder- und Leseabend, diese Geschichte muss als Theaterstück erzählt werden.“

Cissy Kraner wurde 1918 als Gisela Maria Spitz in Wien geboren. Ihren Künstlernamen verdankt einem holländischen Konzertplakat, das keine „Gisy“, sondern eine „Cissy“ ankündigte. Hugo Wiener engagierte sie als 20-Jährige für eine Tour durch Lateinamerika. Dort kamen sich Kraner und der 14 Jahre ältere Komponist unter widrigsten Umständen näher. Schon das Flugzeug nach Bogotá drohte abzustürzen. Später ging es nach abenteuerlicher Ochsentour in Venezuelas Hauptstadt Caracas nicht mehr weiter. Was sich letztlich als Glück entpuppte: Hugo Wiener war Jude. Seine Familie wurde im Konzentrationslager umgebracht.

1943 eröffneten Wiener und Kraner in Caracas die Pianobar „Johnny’s Music-Box“, die sich schnell vom Geheimtipp zum Erfolg mauserte: Cissy sang Wieners Chansons, er begleitete sie mit stoischer Mien­e am Klavier. „Gerade diese Kombination, die energische Sängerin und der sensible Pianist, machte ihre Auftritte einmalig“, sagt Katharina Straßer. Nach der Rückkehr nach Wien wurde das Paar berühmt. Vor allem das legendäre Kabarett Simpl prägten sie nachhaltig: Wiener schrieb Kraner Evergreens – „Ich wünsch’ mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, „Ich kann den Novotny nicht leiden“ oder „Schönheitspflege“ – auf den Leib.

Zwölf dieser Lieder – „Lauter Knallernummern“, sagt Katharina Straßer – sind auch in „Alles für’n Hugo“ zu hören. Wobei die Schauspielerin und ihre Mitstreiter eine Rahmenhandlung für das Stück entwickelt haben: Im Himmel soll Kraners 101. Geburtstag gefeiert werden. Weggefährten – von Maxi Böhm bis Herbert Prikopa – haben sich angekündigt. Nur Hugo Wiener lässt auf sich warten. Während der Partyvorbereitung erinnert sich Kraner an Episoden ihres Lebens, an ihre Anfänge, das Exil, den Durchbruch und die letzten Jahre ohne den 1993 verstorbenen Lebensmenschen. „‚Alles für’n Hugo‘ soll zum lebendigen und berührenden Denkmal eines intensiven Lebens werden“, sagt Katharina Straßer. Und dafür muss man eben was riskieren. Und bisweilen einen Tisch kaufen. Auch wenn der dann nicht mit nach Innsbruck darf.