Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.03.2019


Kammerspiele

“Der Trafikant“: Erwachen in dunkler Zeit

Zur Premiere von „Der Trafikant“, der Bühnenfassung von Robert Seethalers Erfolgsroman, in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.

Franz (Tom Hospes) will sich von Sigmund Freud (Jan Schreiber) verabschieden.

© Rupert LarlFranz (Tom Hospes) will sich von Sigmund Freud (Jan Schreiber) verabschieden.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Es ist das Jahr des katastrophalen Umbruchs, in dem der 17-jährige Franz Huchel das Geschäft des Trafikanten und das Leben lernen soll. 1937 verpflanzt die Mutter den Sohn vom Salzkammergut nach Wien in den kleinen Laden ihres Jugendfreundes Otto Trsnjek. Der verschreibt dem Naivling aus der Provinz stundenlanges Zeitungslesen, was ihm die verworrenen Zeiten nicht erklärt, aber den Buben, da gerade alle von der Politik „verhunzt, verpatzt, versaut, verdummt und überhaupt irgendwie zugrunde gerichtet“ werden, doch einigermaßen aufweckt. Trsnjeks humane Standhaftigkeit fundiert seine Menschlichkeit. Trotz Verbots verkauft der im Ersten Weltkrieg versehrte Trafikant Zeitungen und Tabak an seine jüdischen Kunden. Der benachbarte Metzger, auf dem Weg in eine Nazikarriere, denunziert ihn nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Trsnjek stirbt in der Gestapo-Haft. Franz übernimmt den Laden.

Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ von 2012 wurde ein Bestseller und Schullektüre, weil er an Haltungen und Einzelschicksalen das beginnende Grauen eindringlich spürbar macht. Der Plot wurde natürlich verfilmt und, da Bühnenadaptierungen derzeit so in Mode sind, auch dramatisiert. Nach einem Versuch, der ihm missfiel, hat Seethaler selbst die Arbeit vorgenommen. Ob die Innsbrucker Aufführung, die mahnend an die Anschluss-Tage im März 1938 vergangenen Samstag in den Kammerspielen zur Premiere gelangte, darauf basiert, verrät das Programmheft nicht. Das Stück jedenfalls passt punktgenau in das Konzept von Schauspieldirektor Thomas Krauß, in dieser Saison den 100. Geburtstag der Republik Österreich mit ausschließlich österreichischen Stücken zu begehen.

Der alte Herr, der in Trsnjeks Trafik seine Zigarren und die Neue Freie Presse kauft, hat eine berühmte Adresse: Berggasse 19. Sigmund Freuds Ruf reichte in die Welt hinaus und bis ins Salzkammergut. Franz muss dem Professor einfach seine Fragen stellen, weil die Liebe sich als kompliziert erweist. Das weiß freilich niemand besser als Sigmund Freud, denn „Die Liebe ist immer ein Irrtum“, weil man doch „in einer immerwährenden Dunkelheit“ nur mit Glück „manchmal ein Lichtlein aufflammen“ sieht. Mit Freud geht Seethaler entschieden zu oberflächlich um. Seethalers sprachliche Sanftheit, der leichte, doch nie belanglose Ton, der die Härte des Geschehens keineswegs weichzeichnet, die poetische Kraft dieses Erzählens fern von Effekt lassen sich offenbar nicht leicht auf die Bühne bringen. Das vermittelt die Inszenierung von Birgit Eckenweber, die sich erst nach der Pause verdichtet. Bis dahin hat sie Leerstellen, die weder mit Spannung noch mit Atmosphäre oder Nachklang gefüllt werden. Auch die etwas unentschiedene Personenführung ist der Dramaturgie nicht dienstbar. Die Personage der, wie Franz meint, „verrückten“ Außenwelt markieren gespenstisch verfremdete Köpfe. Auch vertraute Menschen wurden in jener Zeit fremd. Franz, in der Pubertät, kraftvoll, lernfähig und doch noch unbedarft, lässt sich jetzt nicht vereinnahmen. Virtuos verknüpft sich seine Geschichte mit den Ereignissen.

Ursula Beutler, für die Ausstattung verantwortlich, nützt den vollen Bühnenraum, ohne sich in Dekor zu verlieren, und kommt ohne Prater-Romantik aus. Da die literarische Vorlage hin und wieder auch die Technik des Briefromans aufgreift, setzt Beutler den Attersee mit der Mutter am Schilfufer ebenso in Szene wie vorne die karge Trafik mit den großen Auslagefenstern, auf die Nazis ihre Parolen schmieren und Franz seine Traumaufzeichnungen klebt.

Tom Hospes ist dieser Franz mit Identifizierungspotenzial, jung, suchend und sich treu bleibend, naiv an eine Zukunft glaubend, selbst als ihn die Gestapo abholt. Verlust und Abschied markieren seinen Weg. Ulrike Lasta gibt seine Mutter zurückhaltend, Sigmund Freud, den Franz in die Emigration verliert, zeigt Jan Schreiber dezent jovial. Mit großartiger Überzeugungskraft ist Michael Arnold der Trsnjek. Hans Danner durchmisst eine ganze Palette an Charakteren vom Briefträger bis zum SS-Mann. Fehlbesetzt ist hingegen die Varietétänzerin Anezka, in die sich Franz verliebt, mit Ronja Forcher. Diese Figur ist nämlich kein süßes Mädel, sondern eine erfahrene Frau, bereit, sich im Überlebensdschungel selbst zu verleugnen.