Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Bühne

Auf dem Drahtseil durch das besetzte Frankreich

Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ gerät zu einem der Glanzstücke der laufenden Saison an der Josefstadt.

Unfreiwillig vereint auf der Flucht: Johannes Silberschneider (l.) als Jacobowsky, Herbert Föttinger als Oberst und Pauline Knof als „Madame France“ Marianne in Janusz Kicas begeistert aufgenommener Werfel-Inszenierung.

© APAUnfreiwillig vereint auf der Flucht: Johannes Silberschneider (l.) als Jacobowsky, Herbert Föttinger als Oberst und Pauline Knof als „Madame France“ Marianne in Janusz Kicas begeistert aufgenommener Werfel-Inszenierung.



Von Bernadette Lietzow

Wien – In Lourdes, dem französischen Wallfahrtsort nahe der spanischen Grenze, gelobte Franz Werfel nicht nur, der heiligen Bernadette einen Roman zu widmen, sollte ihm und seiner Frau Alma Mahler-Werfel die Flucht über die Pyrenäen und Lissabon in die Vereinigten Staaten gelingen.

Inmitten von Chaos und Bedrohung durch die vor­rückende Deutsche Wehrmacht hatte der Schriftsteller zudem eine literarisch folgenreiche Begegnung: Er traf auf den aus Nazi-Deutschland vertriebenen Bankier Stephan S. Jakobowicz, der ihm von seiner riskanten Flucht durch Frankreich im Beisein eines exzentrischen Offiziers der polnischen Exilarmee berichtete.

Dessen „Abenteuer“ wider Willen goss Werfel im kalifornischen Exil in seine „Komödie einer Tragödie“ unter dem klingenden Namen „Jacobowsky und der Oberst“, die 1944 am New Yorker Broadway und einige Monate später in deutscher Sprache in Basel uraufgeführt wurde.

Nachhaltig eingegraben, zumindest in das Gedächtnis etwas älterer Semester, hat sich die Geschichte dieser ungleichen Schicksalsgenossen mit der Hollywoodverfilmung aus dem Jahr 1958, in der der deutsch-österreichische Film-Hüne Curd Jürgens und der amerikanische Komiker Danny Kaye beeindruckten.

Im Gegensatz zum Film, in dem der in die Jahre gekommenen Luxuskarosse als Fluchtvehikel eine Hauptrolle zukommt, darf man am Theater gerne – und aus guten Gründen – darauf verzichten. Demgemäß hält Regisseur Janusz Kica, der nun an der Josefstadt Werfels ebenso geradlinig wie geschickt gebautes Stück aus der Taufe gehoben hat, die Bühne autofrei – und schafft damit vollen Präsenz-Raum für seine Schauspieler. Diese wissen ihn, sehr zum Vergnügen des Publikums, zu nutzen.

Allen voran begeistert Johannes Silberschneider in der Rolle des Jacobowsky. Im klugen Verzicht auf allzu nachdrücklich rührseliges oder schelmisches Spiel, zu dem diese Figur verlockt, stellt er einen ernstzunehmenden und in seinen fünf Fluchten über den halben Kontinent gestählten Ironiker dar, dessen Abgeklärtheit gepaart mit unerschütterlicher Menschenliebe und Daseinslust nicht zuletzt seinem Reise­gefährten Stjerbinsky mehrmals das Leben rettet.

Gewandt gestaltet Hausherr Herbert Föttinger diesen polnischen, in der adeligen Wolle gefärbten Antisemiten, Haudrauf und, zum Leidwesen Jacobowskys, grottenschlechten Automobilisten. Die Versicherung, dessen mit enormem Aufwand organisiertes Auto lenken zu können, gab ja den Ausschlag für die gemeinsame Unternehmung, bei der auf gefährlichem Umweg noch die Geliebte des Offiziers abgeholt werden muss.

Schön anzusehen ist, wie die der Eitelkeit und Überforderung geschuldete Humorlosigkeit von Föttingers Oberst im perfekten Zusammenspiel mit Silberschneiders Jakobowsky, Mathias Franz Steins Laufbursch Szabuniewicz und Pauline Knofs Fluchtgefährtin Marianne in wirklich komische Szenen mündet.

Sehr genau geht die Regie mit dem riesengroßen Personal um. So haben unter anderem Alexander Absenger als „Tragischer Herr“ oder Michael Schönborns Flic, der nach Dienstschluss menschlich sein darf, Ulrich Reinthallers zwiespältiger englischer Retter oder Gerhard Kasals einfältig-schmissiger Wehrmachtsoffizier auch in Nebenrollen einige Entfaltungsmöglichkeit.

Prädikat sehenswert.