Letztes Update am Di, 19.03.2019 10:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Kabarettist Michael Niavarani über Ausschüttungen aller Art

Ein Interview mit Kabarettist Michael Niavarani, vom ORF zum „lustigsten Österreicher“ geadelt, folgt eigenen Regeln. Die Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und angewandtem Humor löst sich auf.

Michael Niavarani beim Gespräch über den Dächern von Innsbruck: „Geht man wirklich auf den Berg, wenn man in Tirol wohnt?“

© Vanessa Rachlé / TTMichael Niavarani beim Gespräch über den Dächern von Innsbruck: „Geht man wirklich auf den Berg, wenn man in Tirol wohnt?“



Wir sind zwei Exemplare desselben Jahrgangs.

Michael Niavarani: Tatsächlich? Warum sehen Sie dann zehn Jahre jünger aus als ich?

Danke! Sie wissen, was ein Interviewer gerne hört, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht. Und jetzt im Ernst: Sie werden oft erkannt und angesprochen. Nervt Sie das?

Niavarani: Man darf nicht berühmt werden wollen, wenn einen das stört. Und ich habe ja London, wo ich oft bin. Da kennt mich niemand außer meiner Cousine, die dort lebt. Was mich interessiert: Geht man wirklich auf den Berg, wenn man in Tirol wohnt?

Man wird süchtig nach den Bergen. Am Gipfel schüttet man alle möglichen Glückshormone aus, und die größten Raunzer sind plötzlich umgänglich.

Niavarani: Wenn es nur ums Ausschütten von Substanzen geht: Was glauben Sie, was ich nach acht Wodkas schon für Substanzen ausgeschüttet habe? Dazu muss ich doch nicht auf den Berg gehen.

Sie sind gegen das Berge-Virus eindeutig immun.

Niavarani: Schön anzusehen sind die Berge. Als ich in Innsbruck ankam, dachte ich: Warum haben sie die Gebirgskulisse nicht weggeschoben, welches Theaterstück spielen sie hier, die Geier-Wally? Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich so untrainiert bin. Ich ringe schon nach Luft, wenn ich zu lange sitze. Dann muss ich mich hinlegen. Körperliche Bewegung schüttet bei mir keine Endorphine aus, sondern führt zu Aggressivität.

Sie holen sich Ihre Glückshormone eben auf der Bühne. Applaus kann doch auch süchtig machen?

Niavarani: Nein! (prustet los vor Lachen) Das ist ja Schwerstarbeit. Ich bin 3000 Mal aufgetreten, seit ich 17 war. Stellen Sie sich das vor: 2,5 Stunden mal 3000. Ich möchte nicht auf die Bühne verzichten, aber Sucht ist das wirklich keine.

Über Ihren gewachsenen Leibesumfang machen Sie sich selbst lustig, indem Sie sich auf Wienerisch als „bladen Perser“ bezeichnen.

Niavarani: Vermutlich esse ich zu viel. Jedenfalls habe ich zugenommen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich das nicht. Ich muss ja nicht weiter nach unten blicken. Ich wäre gerne schlanker, aber ich möchte nicht abnehmen müssen. Ich versuche, 10.000 Schritte täglich zu machen.

Sie wurden 2011 in einer ORF-Show zum „lustigsten Österreicher“ gewählt. Kabarettkollege Andreas Vitásek ist nur 19., was ihn heute noch wurmt.

Niavarani: Der lustigste Österreicher war Hans Mose­r. Natürlich bin ich aber zu Recht gewählt worden. Vitáse­k soll froh sein, dass er überhaupt dabei ist.

Woher kommt Ihr Humor, ist der angeboren?

Niavarani: Irgendwie schon. Wenn etwas Tragisches geschieht, fällt mir dazu etwas Lustiges ein. Man könnte das auch als eine Art „psychische Krankheit“ sehen.

Sie sind als Sohn eines Iraners in Wien aufgewachsen. Haben Sie jemals Ausländerfeindlichkeit erlebt?

Niavarani: Davon blieb ich verschont. Die Fünfer im Gymnasium habe ich auch nicht aus rassistischen Gründen bekommen, sondern weil ich mich lieber mit anderen Dingen beschäftigt habe.

Sie haben die Matura dann überhaupt ausgelassen.

Niavarani: Manchmal bereue ich das, denn mit Matura könnte ich Quantenphysik studieren. Die Matura würde dabei aber auch nicht helfen.

Auch auf den Führerschein haben Sie verzichtet.

Niavarani: Sie werden es nicht glauben, aber das geht auf die Proteste gegen das geplante Kraftwerk Hainburg in den Donauauen 1984 zurück. Damals habe ich entschieden, dass ich den Führerschein nie machen werde.

Im Dezember 1984 besetzten Umweltaktivisten bei eisiger Kälte die Stopfenreuther Au bei Hainburg. Waren Sie vor Ort dabei?

Niavarani: So weit geht mein­e Liebe zur Menschheit auch wieder nicht, dass ich im Winter demonstrieren gehe. Bei schönem Wetter vielleicht. Ich habe den Führerschein später jedenfalls nie vermisst.

Sie werden kaum zu Fuß nach Innsbruck gekommen sein.

Niavarani: Doch! Am 4. Februar bin ich in Wien zu diesem Interview aufgebrochen. Stimmt natürlich nicht. Ich fliege aber nicht mehr. Selbst nach London fahre ich mit dem Zug. Ich weiß nicht, ob ich den Flugverzicht durchhalte, ich habe es aber vor. Das bin ich den Schülern schuldig, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen.

Sie haben vor der Nationalratswahl 2017 den damaligen SPÖ-Kanzler Christian Kern unterstützt. Geworden ist es Schwarz-Blau unter Sebastian Kurz. Wie kommen Sie damit zurecht?

Niavarani: Ich bin Sozialdemokrat im Herzen. Auf der Bühne sage ich dem Publikum: „Wenn ihr jetzt zwölf Stunden hackeln müsst – selber schuld. Ihr habt Schwarz-Blau gewählt. Freundschaft!“ (ballt die Faust). Das Absurde ist: Ich profitiere von der jetzigen Regierung der Wirtschaft und Großkonzerne, weil ich weniger Steuern zahle. Ich bin ja selbst Großunternehmer mit einem Riesentheater (dem Globe in Wien, Anm.). Ich möchte lieber mehr Steuern zahlen und von meinem Vermögen etwas abgeben, damit es einer alleinerziehenden Mutter besser geht.

John Cleese von Monty Python ist das vierte Mal verheiratet. Auch Ihre Beziehungskisten boten Stoff für Klatsch. Wie ist die Lage?

Niavarani: Ich habe nie geheiratet. Doch Topf und Deckel haben sich auch so gefunden: Ich lebe sehr zufrieden mit der Verlegerin Helen Zellweger in einer Partnerschaft. Davor war ich beim Thema Frauen kein Suchender, sondern einer, der halt oft fand. Zu Cleese habe ich übrigens gesagt: „Wenn du deiner dritten Exfrau 13 Millionen Dollar zahlen kannst, dann hast du 26 Millionen gehabt.“ Darauf er: „That’s none of your blood­y business.“ Der Engländer redet noch weniger gern übers Geld als der Österreicher.

Das Gespräch führte Markus Schramek




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