Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.04.2019


Landestheater

„Der blaue Engel“: Wo das Gold bröckelt

Eine Glanzzeit mit Brüchen: Mit dem Tanzstück „Der blaue Engel“, das am Samstag Premiere feierte, gelingt Choreografin Marie Stockhausen ein interessanter Kunstgriff.

Ein neues Frauenbild: Tänzerin Anita Berber (verkörpert von Brígida Pereira Neves) ist unabhängig, zumindest von den sie umgebenden Männern.

© Rupert LarlEin neues Frauenbild: Tänzerin Anita Berber (verkörpert von Brígida Pereira Neves) ist unabhängig, zumindest von den sie umgebenden Männern.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Varieté, verführerischer Tanz, früher Jazz und Swing, ausgelassene Stimmung. Das waren die Goldenen Zwanzigerjahre. Zu dieser rasenden Zeit zwischen den Weltkriegen gehören aber auch Kriegsversehrte, leichte Mädchen und Morphium. Das lässt der Maler Otto Dix in seinem Triptychon „Die Großstadt“ schon einmal anklingen, welches er 1928 zum Höhepunkt dieser Hochzeit anfertigte.

Diese Ikone der Neuen Sachlichkeit nimmt Marie Stockhausen, die sich zuletzt als aktive Tänzerin am Landestheater verabschiedete, sich inzwischen aber auch einen Namen als Choreografin machte, als Ausgangspunkt für ihr neues Tanzstück. „Der blaue Engel“ wurde am Samstag in den Kammerspielen uraufgeführt.

Otto Dix verdankt das Stück übrigens auch die Hauptfigur Anita Berber, welche der Maler in einem ebenso ikonischen, roten Porträt für die Nachwelt festhielt. Sie war seine Femme fatale. Im Stück verfällt ihr ein gewisser Raat, der – dem Roman „Professor Unrat“ (1905) von Heinrich Mann entschlüpft – sich derart nach der Liebe zu einer „Barfußtänzerin“ verzehrt, dass er mitsamt seinen veralteten Wertvorstellungen daran zugrunde geht. Eine dramatische Geschichte, die als „Der blaue Engel“ 1929 von Josef von Sternberg verfilmt wird: Hier gibt Marlene Dietrich u. a. mit dem berühmten Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ die Verführerin.

Bei Stockhausens „blauem Engel“ bleibt die Femme fatale die Tänzerin Anita Berber; wunderbar verkörpert von Brígida Pereira Neves, die zuletzt in „Frida Kahlo“ als Schwester der Hauptfigur zu sehen war. In ihren intensiven Solos kulminiert Berbers unbändiger Freiheitswille und die – immerhin temporäre – feinsinnige Liebschaft zum Professor. Attitüde und Kostüm (Andrea Kuprian hält sich teilweise stark an die Vor-Bilder von Dix) lassen nicht daran zweifeln: Die Tänzerin verkörpert, wenn auch meist quasi nackt, ein neues Frauenbild. Sie ist unabhängig, taucht immer wieder in ein Leben voller Drogen- und anderer Eskapaden ab.

Ein Umstand, an dem die Figur des Raat, verkörpert durch Gabriel Marseglia, zerbricht. Tanzte Marseglia in „Frida Kahlo“ noch den Macho, lebt seine Performance in „Der blaue Engel“ von der Brüchigkeit, der Veränderung, die seine Figur durchläuft: vom allzu steifen, ja dahinmarschierenden Professor über den leichtfüßigen Liebestrunkenen hin zum von der Eifersucht Getriebenen. Aber vergebens: Halten kann er die Liebe nicht. Berber stirbt mit nur 26 Jahren.

Auch der Maler Dix wird als Rolle ins Stück eingewebt, bleibt aber als Beobachter eher nebensächlich. Dagegen sticht Greta Marcolongo als „Die Irrsinnige“ besonders hervor. Die Boznerin, die in Südtirols Jazzszene wohlbekannt ist, brilliert mit mitreißenden Livedarbietungen von Nina Simones „Be My Husband“, Leonard Cohens bzw. Jeff Buckleys „Hallelujah“ oder Jacques Brels „Ne me quitte pas“ – als Sängerin, nicht aber als Tänzerin.

Gerade an ihrer Figur, die ebenso einem Gemälde von Dix entsprungen ist, wird aber schlüssig, wieso „Der blaue Engel“ die unterschiedlichen Erzählebenen braucht: Stockhausen gelingt dadurch eine realistische Wiedergabe der brüchigen Verhältnisse der Zeit. So war das ausgelassene Leben eben auch Fluchtmöglichkeit; etwa vor der Erinnerung an den noch gar nicht verdauten Weltkrieg. Das zeigt Dix in seinem Bild „Die Großstadt“ absolut ungeschönt. Im Stück etwa steigt Professor Raat direkt vom Schützengraben in den Klassenraum.

Und die Figur entsteigt dabei tatsächlich einer anderen Ebene der Bühne – die technischen Möglichkeiten der neuen Kammerspiele werden optimal genutzt. Auch dank der sich kreisenden Scheibe nimmt das wilde Leben der Zwanziger richtig Fahrt auf.

Wer bereits Karten für das fulminante Stück hat, darf sich freuen – sämtliche Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Wer sich ein Bild von den vermeintlich „Goldenen Zwanzigern“ machen möchte, kann dies auch in der Schau „Bil­derwelten zwischen den Kriegen“ tun, die ab 17. Mai im Ferdinandeum Otto Dix und Egger-Lienz gegenüberstellen wird. Mit dabei auch „Die Irrsinnige“, die erstmals in Österreich gezeigt wird.