Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.04.2019


Landestheater

Spielzeit 2019/20 am Landestheater: Weltoffen und grenzenlos

Das Tiroler Landestheater sieht sein Programm 2019/20 als Gegenentwurf zum Nationalismus unserer Tage. Ein bisschen mutig ist man auch: „Mit American Idiot“ wird es sogar punkig.

Umrahmt von Türkis-Tönen – die Chefetage des Tiroler Landestheaters hat vollständig Platz genommen.

© Thomas Boehm / TTUmrahmt von Türkis-Tönen – die Chefetage des Tiroler Landestheaters hat vollständig Platz genommen.



Von Markus Schramek

Innsbruck — Die Szenerie ist bekannt: führende Köpfe des Tiroler Landestheaters (TLT), von Intendant Johannes Reitmeier abwärts, aufgereiht vor der Presse und Freunden des Hauses. Neu ist stets der farbliche Auftritt, heuer ist es Türkis, das ins Gelbliche verschwimmt. Kalt-warm wie das Leben. Neu ist in erster Linie aber das Programm. Aus diesem wird im Vorfeld ein großes Geheimnis gemacht. Gestern wurde es gelüftet und der Spielplan 2019/20 vorgestellt. „Wir gehen auf das Publikum zu, biedern uns aber nicht an", formulierte Reitmeier die inhaltliche Ausrichtung.

Das Jahresmotto stammt von Komponist Carl Maria von Weber: „Die Kunst hat kein Vaterland." Mit Beiträgen aus vieler Herren und Damen Länder will das Schauspielhaus nationalistischen Strömungen entgegenwirken, Weltoffenheit signalisieren.

Hier eine Auswahl aus der Spielzeit 2019/20.

Oper: Der Urheber des Jahresmottos, Carl Maria von Weber, ist mit seiner (viel gespielten) Oper „Der Freischütz" im Großen Haus vertreten (Regie: Johannes Reitmeier). Das Besondere an der Innsbrucker Inszenierung werden die Rezitative sein. Sie stammen von Hector Berlioz und sind erstmals in Österreich zu hören. Weiters neu auf dem Spielplan: Puccinis „Il Trittico", Verdis „Rigoletto", „Samson et Dalila" von Camille Saint-Saëns, „Katja Kabanowa" von Leo? Janácek und „Lakmé" von Léo Delibes.

Musical: „Völlig neues Terrain" betritt das TLT nach den Worten Reitmeiers mit dem punkig angehauchten Musical „American Idio­t". Die Musik ist vor allem jüngeren Semestern bestens bekannt, stammt sie doch von der US-Rockband Green Day. Reitmeier führt bei dieser Koproduktion mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding Regie, ebenso beim Musical „Die Schattenkaiserin", einer Uraufführung. Hier lässt das Maximilian-Jahr wieder einmal grüßen, geht es doch um Bianca Maria Sforza, die zweite Frau von Kaiser Max I., die im Schatten ihres lieblosen Gatten ein gar wenig freudvolles Leben führte.

Schauspiel: Spartendirektor Thomas Krauß zitierte Regisseur und Drehbuchautor Helmut Dietl: „Woher kommt das Gefühl, dass es uns so schlecht geht, obwohl es uns allen doch so gut geht?" Mit Stücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert will Krauß die Zersplitterung der Gesellschaft thematisieren, dabei auch anecken. Aktuelle Schlagworte wie Wutbürger, Fake News und Lügen­presse, das Konstruieren eigener Wahrheiten, weil Tatsachen nicht akzeptiert werden — all das spielt hier herein.

Die Stücke „Furor" (von Lutz Hübner und Sarah Nemitz), „Nyotaimori" (Sarah Berthiaume), und „Stück Plastik" (Marius von Mayenburg) sind allesamt österreichische Erstaufführungen.

Schauspiel-Dauer­brenner sind hingegen Molières „Der Menschenfeind", Dürrenmatts „Die Physiker" und „Homo Faber" von Max Frisch. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat es ebenfalls ins Programm geschafft. „Am Königsweg", ihre Verarbeitung der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, wird in der kleinen K2-Bühne aufgeführt.

Tanztheater: Und wieder Shakespeare! Nach „Macbeth" und „A Midsummer Night's Dream" nimmt sich Tanztheater-Chef Enrique Gasa Valga das Drama „The Tempest" (Der Sturm) zur Brust. Für den Spanier, seit zehn Jahren mit seiner Tanzcompany ein Kassenmagnet, war es, wie er sagt, „eine intuitive Entscheidung", wieder Shakespeare tänzerisch ins Große Haus zu holen. Grenzen kennt Gasa Valga ohnehin nicht. „Die Berge sind nicht hoch genug", sagt er. Renommierte Choreografen fühlen sich inzwischen geehrt, wenn Gasa Valga zwecks Zusammenarbeit anklopft. „Früher musste ich sie mit der Aussicht auf Schnitzel und das Nachtleben nach Innsbruck locken", scherzte er.

Mit der zweiten Tanz-Uraufführung der Spielzeit wurde Marie Stockhausen betraut (ihre aktuelle Choreografie „Der blaue Engel" feierte eben erst Premiere). Die langjährige Solotänzerin widmet sich „Wolfgang Amadeu­s"— Mozart also. Gasa Valga selbst zeichnet für die dritte Uraufführung verantwortlich: „Terr­a Baixa", ein Stoff aus seiner spanischen Heimat.

Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (TSOI): Bei den Symphoniekonzerten werden sich die beiden neue­n Dirigenten Kerem Hasan (TSOI-Chefdirigent) und Lukas Beikircher (Chefdirigent Oper) mit Gästen am Pult abwechseln.

Tickets: Der Vorverkauf startet am 4. Juni ab 10 Uhr. Kartenreservierungen sind ab sofort über kassa@landestheater.at möglich.

Ende der Billig-Abos

In nackten Zahlen ausgedrückt, steht das Tiroler Landestheater gut da — zumindest noch. Die Auslastung in der Saison 2017/18 lag insgesamt bei 87 Prozent (Großes Haus 84, Symphoniekonzerte 89, Kammerspiele 95 Prozent). Das Budget für 2018 beträgt 28,8 Millionen Euro.

Über der kommenden Spielzeit steht freilich ein großes Fragezeichen. Die Zahl der Abonnenten dürfte nicht zu halten sein. Derzeit sind es 8200. 3400 davon, also rund 40 Prozent, sind vergünstigte Abos von Mitarbeitern im Tiroler Landesdienst. Diese erhielten bis vor einem Jahr rund die Hälfte der Abokosten aus dem Landesbudget rückerstattet. Aus Spargründen hat die Landesregierung diesen Bonus aber abgeschafft.

In der laufenden Saison 2018/19 wurden die Landes-Abos noch mit 30 Prozent aus dem Budget gestützt. Ab Herbst 2019 gibt es gar keinen Zuschuss mehr. Theaterabos kosten für Mitarbeiter des Landes dann gleich viel wie für jeden anderen. Wie stark der Exodus der Abonnenten ausfällt, wird sich bald zeigen. Am 30. April endet die Kündigungsfrist.