Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.04.2019


Bühne

“Mignon“ am Landestheater: Wo keine Zitronen blüh‘n

Goethes Wilhelm Meister lernt in der Pariser Metro das Leben kennen: Am Tiroler Landestheater wird Ambroise Thomas’ Oper „Mignon“ vorgestellt.

„Mignon“ in personenreduzierter Fassung am Rennweg: Camilla Lehmeier in der Titelrolle vor der Litfasssäule, oben Blondie Sophia Theodorides.

© Rupert Larl„Mignon“ in personenreduzierter Fassung am Rennweg: Camilla Lehmeier in der Titelrolle vor der Litfasssäule, oben Blondie Sophia Theodorides.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Das Haus am Rennweg barg schon einige der facettenreich aus dem seelischen Urgrund aufsteigenden Frauengestalten der Oper. Aber ganz so symbolistisch wie Mélisande, so mythisch wie Kundry, sexuell wie Lulu oder opferbereit wie Rusalka konnte Regisseurin Helen Malkowsky Mignon nicht beschweren. Denn der Komponist Ambroise Thomas leiht seiner Opernheldin, entliehen Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, vorrangig seine naive Empfindsamkeit. Das Unbestimmte, Geheimnisvolle bleibt Andeutung, und der androgyne Reiz der Kindfrau ist heute wirkungslos. So bleibt tiefe Sehnsucht die treibende Kraft dieses Wesens. „Mignon“, 1866 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt, wird seit Samstag am Tiroler Landestheater gezeigt. Zur Pause noch verhalten aufgenommen, wurde die Produktion, dankenswert in französischer Sprache, am Ende gefeiert. Zunächst gab es keinen Anlass dazu. Die Ouvertüre begann, bevor die Rivalinnen zu porträtieren sind, nicht emotional heranzoomend, sondern neutral, verwies dann auf das Kitschpotenzial und wurde lärmend. Als hätte Dirigent Seokwon Hong keine Beziehung zum Stück, ging es indifferent weiter, die schönen Soli vielfach verschenkt, bis die Sänger, allesamt hervorragend, die Farben und zart blühenden Melodiebögen, die Gestaltung und Kommunikation zum Graben übernahmen. Mit den Tempi und Rhythmen war ihnen Hong allerdings dienlich. Überraschend seine späte Umkehr vom Durchmarsch zu einem sensibel gestalteten Schlussakt, der dann auch den Erfolg fixierte.

Das Bild, das die Handlung einrahmt, zeigt La Strada, die Straße des ziellosen, mühseligen Vorwärts durch die Ödnis eines hoffnungslosen Daseins. Der Zufall schafft Begegnungen. Bettler sind unterwegs, Künstler, Menschen aller Art. Ein Zampano namens Jarno, der ein geraubtes Kind, das man Mignon nennt, zum Tanzen prügelt, eine fahrende Theatertruppe mit Impresario Laerte und Primadonna Philine, ein vagabundierender Alter, dessen Teller immer leer bleibt. Dazu Wilhelm Meister, 20, Spross aus dem Wiener Bürgertum, auf üblicher Bildungsreise, neugierig auf das Leben. Er kauft Mignon frei und folgt den Schauspielern, um Philine nahe zu sein bei der Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Dort schlüpft Mignon in Philines Kleid, und obwohl sie mit den Füßen noch immer in ihrem alten Zeug steckt, entdeckt sie: Sie ist nicht mehr dieselbe. Sie hat es gewagt, sich Jarno (Joachim Seipp) zu widersetzen, sie will nicht mehr angegafft werden, sie liebt Wilhelm. Mignon weiß nicht, wie sie wirklich heißt, „Mignon“ bedeutete einst so viel wie Liebling, sie weiß nichts von ihrer Herkunft, kennt Zuwendung erst durch den alten Lothario und durch Wilhelm. Sie träumt vom „Land, wo die Zitronen blüh’n“.

Im Opernlibretto von Michel Carré und Jules Barbier wird Mignon schlafend eingeführt. Helen Malkowsky will sie in ihrer teils eingängigen, teils etwas unentschlossenen Regie von Beginn an bedrängter, realer. Mignon irrt in Paris neben einer Metro-Station, deren Jugendstil-Schönheit Dieter Richter sehr wandlungsfähig nachgebaut hat, um eine Litfasssäule, von Männern bedrängt, vor denen sie sich weigert zu tanzen. Noch Kind, „weder Knab noch Mädchen, auch Frau nicht“ – nur Mignon. Camilla Lehmeier stellt sie schlicht dar, singt liedhaft ihre Sehnsuchtsarie. Dann gelingt ihr darstellerisch und auch mit der Intensivierung ihres schönen timbrierten Mezzosoprans das Erwachen, die Entwicklung zur Femme fragile. Wie ihren Bühnenschwestern gelingt ihr kein Happy End. Wilhelm hat zu spät seine Liebe zu ihr entdeckt. Jon Jurgens singt ihn mit seinem schönen, jugendlichen Tenor – ein Höhepunkt ist seine Abschiedsarie – ohne die vom Komponisten nur schwächelnd bedachte Figur aufzudonnern.

Und noch eine junge Sängerin zeigt, dass man am Rennweg offenbar pfleglich mit Begabungen umgeht: Sophia Theodorides’ Koloratursopran entwickelt sich sensationell. Ihre Philine ist ereignishaft und in der Extrovertiertheit der Femme fatale das feministische Gegenstück zur emotionalen Gedämpftheit Mignons. Aus dem Reigen der zeitgenössischen Outfits von Anke Drewes fallen die Kostüme in bunter Historie von Philine und Laerte (Florian Stern). Verlässlich der Chor. Johannes Maria Wimmer führt den Lothario aus der Sentimentalitätszone.