Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.04.2019


Wien

„Woyzeck“ im Akademietheater: Abrichtung einer gequälten Seele

Woyzeck im Circus Maximus: Johan Simons gräbt sich tief in das Fleisch von Georg Büchners Schmerzensmann.

Der mehrfach ausgezeichnete Charakterdarsteller Steven Scharf begeistert als „Woyzeck“, im Hintergrund „Marie“ Anna Drexler.

© Akademieth.Der mehrfach ausgezeichnete Charakterdarsteller Steven Scharf begeistert als „Woyzeck“, im Hintergrund „Marie“ Anna Drexler.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Nach einigem, streckenweise unterhaltsamem, Lauwarm scheint es am Ende des verdienstvoll um Konsolidierung und Entspannung bemühten Burgtheater-Direktorats von Karin Bergmann glühend heiß zu werden. Seit Ende März begeistert Andrea Breths meisterhaft ziseliert­e Interpretation von Hauptmanns „Die Ratten“; seit Mittwoch lässt sich am Akademietheater ein „Woyzeck“ mit Sonderklassenstatus bewundern – oder verdammen.

Publikumsspaltungs-Potenzial bietet Johan Simons’ Herangehensweise an Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ allemal, trotz bejubelter Premiere. Der niederländische Regisseur, ehemals Leiter der Münchner Kammerspiele wie der Ruhr­triennale, verantwortet seit dieser Spielzeit das Schauspielhaus Bochum. Die nunmehrige Arbeit ist eine Koproduktion seines neuen Hauses mit dem Burgtheater.

Simons nähert sich zum dritten Mal mit, nach eigenem Bekunden, stets neuer Faszination Georg Büchners Leidensmann an und beglückt Wien mit einem außerordentlichen Blick tief hinein in die inneren Schichten des Dramas um den vielfach gedemütigten Underdog, der zum Mörder wird.

Über eine die Bühnenbreit­e einnehmende, strahlenförmig gestreifte Plane (Bühne: Stéphane Laimé) flimmern anfänglich filmische Zirkus-Sequenzen, bevor Daniel Jesch, der sich als die Figur des Hauptmanns entpuppen wird, Akrobatisches zeigt.

In abgeschabtes Blau gehüllt, das Haupt mit einer Wollmütze bedeckt (Kostüme: Greta Goiris), betritt Steven Scharf die Szene und sorgt in den folgenden hundert Minuten für einen „Woyzeck“, der im Zuschauer-Gedächtnis verankert bleiben wird.

Den Vorhang demontiert er geräuschvoll, in der dahinter liegenden Manege irrlichtert er seinem Untergang entgegen, geplagt von Halluzinationen aufgrund einer pseudowissenschaftlich verbrämten Erbsendiät, auf die er sich vom Doktor (Falk Rockstroh) eines kargen Zuverdienstes wegen setzen lässt.

Scharfs Woyzeck brabbelt in kindlicher-kreativer Angstsprache gegen sein Schicksal an, Fetzen aus Büchners Feder (Verwendung findet eine auf den existenziellen Kern des Stückes kondensierte Textfassung Koen Tachelets) erschüttern nachhaltig. Ausgestellt bis zur bloßen und aggressiven Nacktheit, ist er „Objekt“ inmitten eines Menschen-Zirkus.

Als Zirkus denkt und übersetzt Simons das Drama. Der Dressur, von Gesellschaft, Kirch­e, Geld, unterliegen sämtliche Charaktere, als Tanzbär dient ihnen Woyzeck. Vorgeführt wird er nicht nur von Arzt und Hauptmann. Der Tambourmajor (in rotem Sporthöschen: Guy Clemens) schleift ihn, einem siegreichen Gladiator gleich, vor den Augen von Woyzecks Marie über die vom Bühnenregen durchnässte blutrote Streu.

Clemens’ zwischen eitler Vermessenheit und Lächerlichkeit angesiedelter Verführer überzeugt ebenso wie Anna Drexlers Marie. Sie ist virtuose Clownin, zappelt, grimassiert, hantiert mit dem Etwas aus Draht, ihrem und Woyzecks unehelichem Kind, möchte glaubhaft Gefährtin sein und verrät ihre Liebe der Lust willen.

Unfassbare Beklemmung und bleibender Bühnenmoment, wenn Scharfs Woyzeck diese Marie gleichsam nach deren Anleitung ersticht. Ein Ereignis ist der gesamte Abend!