Letztes Update am Fr, 12.04.2019 07:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„I Put a Spell on You“: Lebhafte Tanzszene im Iraner Untergrund

Ehsan Hemat gastiert mit einer Performance in Tirol. In Hemats Heimat Iran gelten für die Kunstform Tanz erschwerte Bedingungen.

Ehsan Hemat stammt aus dem Iran. Mit seiner Frau, einer Belgierin, und zwei Kindern lebt er in Belgien.

© OsterfestivalEhsan Hemat stammt aus dem Iran. Mit seiner Frau, einer Belgierin, und zwei Kindern lebt er in Belgien.



Von Markus Schramek

Hall, Brüssel – Moderner Tanz ist in der islamischen Republik Iran verboten. Trotzdem findet er statt. Ja, es gibt seit heuer sogar einen Preis für die beste Choreografie. Es sei dies eine nur scheinbar paradoxe Situation, eine Frage der Definition gewissermaßen, sagt Ehsan Hemat. Er ist gebürtiger Iraner, Jahrgang 1980, Tänzer, aber nun auch selbst Choreograf. Beim Osterfestival Tirol wird Hemats Performance „I Put a Spell on You“ erstmals im deutschsprachigen Raum zu sehen sein (14. April, Salzlager Hall, 20.15 Uhr). Die TT hat im Vorfeld mit Hemat, der seit einigen Jahren in Belgien lebt, telefoniert.

Sie haben im Iran als Schauspieler begonnen und sind dann Tänzer geworden, obwohl diese Form des künstlerischen Ausdrucks in Ihrer Heimat offiziell gar nicht existiert. Wie ist es dazu gekommen?

Ehsan Hemat: Es war reiner Zufall. Auf den Begriff „moderner Tanz“ bin ich in einer Bibliothek in Wien gestoßen, als ich nach Tanzvideos suchte. Im Iran gibt es seit zehn Jahren eine lebhafte Szene mit modernem Tanz im Untergrund, die bei jungen Menschen sehr populär ist. Ich bin ein Teil dieser Szene.

Weiß die islamische Führung des Iran von diesen verbotenen Aktivitäten?

Hemat: Natürlich. Jedes Regime weiß doch, was in seinem Machtbereich vorgeht. Wir haben unsere Aufführungen im Iran von der Öffentlichkeit ins Private verlegt. Getanzt wird vor Freunden und deren Freunden. Und wenn jemand überraschend an der Tür klingelt, machen wir eben nicht auf. Das Motto lautet: Wenn du etwas tun willst, dann tu es.

Für Ihre erste Choreografie „I Put a Spell on You“, mit der Sie zum Osterfestival nach Tirol kommen, haben Sie im Iran einen Preis gewonnen: einen Preis in einer Disziplin, die es gar nicht geben darf?

Hemat: Das mag widersprüchlich klingen. Tanz wird als Kunstform im Iran nicht anerkannt, „choregrafische Bewegung“ als Teil des Theaters dagegen aber schon. „I Put a Spell on You“ wurde öffentlich aufgeführt. Ich weiß, welchen tänzerischen Ausdruck das System erlaubt. Ich bekam im Februar im Rahmen eines großen Theaterfestivals den Preis für die beste „choreografische Bewegung“. Diese Disziplin wurde heuer erstmals ausgezeichnet und damit ein neues Kapitel aufgeschlagen.

In Ihrem Stück thematisieren Sie die Überwachung Einzelner durch den Staat.

Hemat: „Big brother is watching you“ könnte man sagen. Diese Überwachung habe ich gespürt, als ich im Iran lebte. Überwacht wird man aber überall auf der Welt. Sehen Sie sich nur die Kameras an, die uns an vielen Orten filmen, sogar in der U-Bahn. In „I Put a Spell on You“ möchte ich zeigen, was ständige Kontrolle mit uns Menschen macht. Können wir uns überhaupt noch authentisch bewegen?

Sie sind mit einer Belgierin verheiratet und seit 2013 selbst belgischer Staatsbürger. In den Iran fahren Sie aber weiterhin?

Hemat: Ich war erst vor ein paar Wochen wieder im Iran. Belgier und damit EU-Bürger zu sein, erleichtert mir das Leben aber sehr. Es erspart mir manchen Visa-Antrag, der letztendlich dann aber doch wieder abgelehnt wird.