Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.04.2019


Bühne

“Orlando“ am Theater an der Wien: Opernkrieger, geschüttelt und gerülpst

Händels „Orlando“ tobt als traumatisierter Soldat durchs Theater an der Wien. Giovanni Antonini dirigiert phänomenal.

Der traumatisierte Heimkehrer und die Liebe. Orlando (Christophe Dumaux) verzweifelt vor dem Bild der längst vergebenen Angelica.

© Monika RittershausDer traumatisierte Heimkehrer und die Liebe. Orlando (Christophe Dumaux) verzweifelt vor dem Bild der längst vergebenen Angelica.



Von Stefan Musil

Wien – War Games sind angesagt. In einer vermutlich südamerikanischen Junkie-Höhle sitzt der Titelheld und lässt seinen Avatar im Video-Spiel durch den Dschungel kämpfen. Ja, wir befinden uns in einer Oper von Georg Friedrich Händel. In seinem „Orlando“, der 1733 in London als großes Zaubertheater herauskam und hochgelobt, doch schlecht besucht, bald in der Versenkung verschwand.

Ariostos „Orlando furios­o“ („Der rasende Roland“) war die Vorlage dafür, in der Kriegsheld Orlando zu neuen Taten aufbrechen soll, aber lieber wahnsinnig, sogar gewalttätig, aus Liebe zu Angelica rast. Denn die liebt Medoro. Auf den hat aber auch Dorinda ein Auge geworfen. Das führt zu Problemen, die der Zauberer Zoroastro lösen muss, damit sich ein Happy End ausgeht.

Eine Oper mit tollen Nummern und auch Längen in der Da-capo-Arien-Parade. Doch Giovanni Antonini hat die Partitur so raffiniert feingeschliffen und mit den Sängern perfekt einstudiert, dass man fast nicht genug bekommen möchte. Er befeuert und atmet die Musik wahrhaft weltmeisterlich mit seinen farbenreichen Luxus-Originalklang spendenden Musikern von Il Giardino Armonico.

Inszeniert hat Claus Guth. Er spielt gekonnt sein bestens bewährtes Vokabular aus, um die Fantasy-Geschichte detailgenau psychologisierend ins Heute zu übersetzen. Das gelingt ihm ganz hervorragend. Bühnenbildner Christian Schmidt hat dazu ein Appartementhaus aus Beton – mit Durchfahrt und Kleinwagen darunter, einem offenen Stiegenhaus an der einen und einer Busstation samt Traumurlaubs-Plakat auf der anderen Querseite – auf die Drehbühne gestellt.

In dem Haus lebt der vom Krieg schwer angeknackste Orlando. Angelica und ihr Medoro sind Nachbarn, während Dorinda, ursprünglich Schäferin, jetzt in einem Wohnwagen davor ihren Imbiss betreibt. Giulia Semenzato serviert nicht nur ihre Burger souverän, sondern auch diese vielseitig fordernde Rolle mit ihrem leuchtend geläufigem wie ausdrucksfeinen Sopran.

Als Orlando brilliert Christophe Dumaux mit den perfekten Koloraturen seines aparten Countertenors und berührt ausdrucksstark als von bösen Geistern gepeinigter Held. Auch Anna Prohaskas Angelica hat ihre intensivsten Momente dann, wenn es ums Leiden geht. Als ihr Medoro lässt Raffaele Pe seinen klangvollen Countertenor fast immer in der richtigen Tonhöhe strahlen.

Die Figur des Zoroastro splittet Guth auf, zeigt ihn einmal als Vater des gestörten Kriegshelden in Anzug, Mantel und Hut. Magisches und Mystisches lallt er dann jedoch als Obdachloser. Der großartige Florian Boesch ist dieser Zoroastro, und wenn er über die im dichten Nebel verirrten Geister singen muss („Tra caligini profondi“), gelingt es ihm, die Arie besoffen lallend, dennoch richtig bis zum perfekt intonierten Rülpser als urkomisches Kabinettstück abzuliefern. Nicht nur das wurde laut bejubelt.