Letztes Update am Di, 16.04.2019 09:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Markus Hinterhäuser: „Festspiele sind kein Selbstläufer“

Salzburg-Intendant Markus Hinterhäuser im Gespräch über die hohen Anforderungen seines Jobs, das Jubiläumsjahr 2020 und seinen neuen Vertrag.

Markus Hinterhäuser spielt am Donnerstag zusammen mit Igor Levit ein Klavierkonzert beim Osterfestival Tirol (im Salzlager Hall).

© Franz NeumayrMarkus Hinterhäuser spielt am Donnerstag zusammen mit Igor Levit ein Klavierkonzert beim Osterfestival Tirol (im Salzlager Hall).



Intendant der Salzburger Festspiele zu sein, gilt als Traumjob. Ist er das auch wirklich?

Markus Hinterhäuser: Salzburg ist für jemanden aus dem Kulturbetrieb die allererste Adresse. Ich habe ja mit Ausnahme meiner Zeit bei den Wiener Festwochen beruflich immer mit den Festspielen zu tun gehabt. Also ja, Salzburg ist ein möglicher Traumjob. Es ist aber auch ein Job, der pausenlos läuft, ob durch physische Präsenz oder gedankliche. Es ist schon ein­e Riesengeschichte hier. Wir verkaufen eine Viertelmillion Karten in fünf Wochen, haben 200 fixe Mitarbeiter das ganze Jahr über, 3000 bis 4000 im Sommer. Als Künstlerischer Leiter dieses Betriebs kann ich eigentlich gar nicht mehr abschalten. Es ist mein Leben, ich beklage mich ganz sicher nicht. Es ist ein großes Privileg, das machen zu dürfen.

Ihr Vertrag läuft Ende September 2021 aus und wurde vor Kurzem neu ausgeschrieben. Das Festspielkuratorium begrüßt Ihre neuerliche Bewerbung. Ist die Vertragsverlängerung bloß ein Formalakt?

Hinterhäuser: Ich habe mich für weitere fünf Jahre ab 2021 beworben. Das läuft jetzt alles ordnungsgemäß ab, es ist ein ganz normales Ausschreibungsverfahren, das gehört sich auch so. Ich weiß nicht, wie viele und welche anderen Bewerber es gibt. Formalakt ist das keiner, aber ich plane die Festspiele weiter, auch für die Jahre 2021und 2022. So ein Programm braucht ja zweieinhalb Jahre Vorlauf.

Nächstes Jahr werden die Salzburger Festspiele 100 Jahre alt. Kann dieses Spektakel überhaupt noch größe­r werden?

Hinterhäuser: 100 Jahre Festspiele zu fassen, ähnelt tatsächlich der Quadratur des Kreises. Auch die 99 Jahre vorher waren nicht klein. Und inhaltlich war das Programm im Vorjahr schon eines für 100 Jahre. Da wird man nicht das Rad neu erfinden können. Das genaue Programm für die 100-Jahr-Saison 2020 folgt im November. Es wird viel Zusätzliches geben wie eine begleitende Salzburger Landesausstellung. Die Dimension wird bemerkenswert sein.

Auch für den Sommer 2019 ist es schwer, noch Tickets zu bekommen.

Hinterhäuser: Es kann mitunter schon eng werden, aber es gibt noch Karten, auch für die Opern beispielsweise für Médée von Luigi Cherubini oder Giuseppe Verdis Simon Boccanegra. Die Mozart- oper Idomeneo ist allerdings mehrfach überbucht.

Salzburg verzeichnet 97 Prozent Auslastung und einen Budgetüberschuss von fast einer Million Euro. Jeder will hin, sei es aus kultureller oder gesellschaftlicher Motivation. Sind die Festspiele ein Selbstläufer?

Hinterhäuser: Es gab einmal eine fast weltumspannende Monopolstellung der Salzburger Festspiele. Und sie sind nach fast 100 Jahren immer noch das größte, ausstrahlungskräftigste Festival der Welt. Doch die Zeit der Selbstläufer ist vorbei. Es kommt schon sehr auf die Planung und das Programm an. Von Vorteil ist es zweifellos, dass das Festival in der Ferienzeit stattfindet. Die jährliche Wertschöpfung, die wir mit den Festspielen generieren, beträgt in Salzburg 183 Millionen Euro und in ganz Österreich 215 Millionen Euro.

Die wirtschaftlichen Zahlen passen also ziemlich gut im Moment.

Hinterhäuser: Ja, sehr gut sogar. Mit Lukas Crepaz haben wir einen Tiroler, der sich als Direktor um die kaufmännischen Belange kümmert.

Mit der Familie von Herrn Crepaz, die das Oster­festival Tirol veranstaltet, sind Sie befreundet.

Hinterhäuser: Ich war schon oft beim Osterfestival, als Gast und als Pianist, ich schätze diese Veranstaltung sehr.

Am Donnerstag wird in Hall „Visions de l’Amen“ von Olivier Messiaen zu hören sein, mit Igor Levit und Ihnen am Klavier. Ist die Stückauswahl von Ihnen?

Hinterhäuser: Ja, denn dieses Stück ist ein katholisches Kraftwerk, es endet in einem fast schon orgiastischen Glocken- und Lichtszenario. Es ist ein Hymnus an die Welt, obwohl es Messiaen 1943 nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft geschrieben hat. Ich habe das Stück Igor Levit vorgeschlagen, er ist ein unfassbar guter Pianist. Wir haben es schon zweimal zusammen aufgeführt.

Das Klavierspielen ist Ihre Passion. Kommen Sie im Alltagsbetrieb überhaupt noch zum Üben?

Hinterhäuser: Es ist paradox: Ich komme viel weniger zum Klavierspielen als früher und spiele viel mehr Konzerte als je zuvor. Ich kann mich aber schon ein paar Stunden aus den Festspielen ausklinken und ans Klavier setzen.

Ihrem kleinen Festspiel-nachbarn im Tiroler Erl ist es im letzten Jahr gar nicht gut gegangen. Wie schätzen Sie die Lage aktuell ein?

Hinterhäuser: Der neue Intendant Bernd Loebe ist ein sehr guter Mann. Die von ihm geleitete Oper Frankfurt ist eines der seriösesten und besten Häuser im deutschsprachigen Raum. Loebe wird das gut machen und die Festspiele Erl stabil halten. Kein Festival steht und fällt mit einer Person, einmal ganz unabhängig von Gustav Kuhn. Dafür ist Salzburg mit seinen 100 Jahren das beste Beispiel.

Hat die #MeToo-Debatte – Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeiterinnen – auch bei den Salzburger Festspielen Niederschlag gefunden?

Hinterhäuser: Überall, wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es Machtverhältnisse. Diese werden ausgenutzt oder eben nicht. In Salzburg hat es keine #MeToo-Situationen gegeben. Das Verhalten eines Menschen anderen gegenüber hat viel mit Eigenverantwortung und guter Erziehung zu tun, auch mit Taktgefühl. Es gibt Regeln, die man einzuhalten hat. Man kann aber nicht für alles Regeln aufstellen. „Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser“, heißt es. Ich sehe es genau umgekehrt: Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser. Ich möchte den Menschen, mit denen ich arbeite, vertrauen können.

Das Gespräch führte Markus Schramek