Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.05.2019


Bühne

Liebesreigen mit Turbulenzen

Fein getaktetes Drunter und Drüber: Regisseur Hakon Hirzenberger landet mit der bereits in Berndorf erprobten Komödie „Boeing, Boeing“ beim Steudltenn-Festival in Uderns.

Turnen mit dem Teilzeitliebhaber: Christoph von Friedl, Sophie Prusa und Bigi Fischer (von links) in „Boeing, Boeing“.

© SteudltennTurnen mit dem Teilzeitliebhaber: Christoph von Friedl, Sophie Prusa und Bigi Fischer (von links) in „Boeing, Boeing“.



Uderns – „Komödie“, lässt Woody Allen einen besonders gescheiten Kopf in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ sagen, „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ Will heißen: Gibt man tragischen Stoffen mehr Wirkraum, kann es komisch werden. Will aber noch viel mehr heißen: Komödie funkelt erst dann, wenn man sie mindestens so ernst nimmt wie das ernste Fach. Und sich die Zeit nimmt, ausgereifte Figuren auf die Bühne zu stellen, denen die Irrungen und Wirrungen, die das Publikum schmunzeln oder hemmungslos losprusten lässt, wirklich nahegehen.

„Boeing, Boeing“ ist ein gut abgehangener Komödienstoff. Marc Camolettis Stück wurde 1960 uraufgeführt, fünf Jahre später in Hollywood verfilmt (mit Tony Curtis und Jerry Lewis) und in den glorreichen Zeiten der Sonntagsnachmittagsklamotten auch im österreichischen Fernsehen unzählige Male wiederholt. Inzwischen aber ist der Gassenhauer von einst aus guten Gründen kaum noch spielbar: Ein Lebemann richtet seine erotischen Eskapaden nach den Flugplänen dekorativer Stewardessen aus. Solcherart Steinzeit-Machismo hat mittlerweile selbst unfreiwilliges Witzpotenzial verspielt.

Daher hat Autor Robert Kolar für seine Neufassung des Klassikers die Vorzeichen vertauscht: Jetzt vergnügt sich eine Selfmade-Woman mit drei Piloten – und bringt diese und ihre drei Mitwisser (Freundin, Haushälterin und Assistenten) an den Rand der Verzweiflung.

Nun könnte man einwenden, dass auch umgekehrter Sexismus Sexismus bleibt. Richtig. Aber die Genugtuung verspäteter Gerechtigkeit ist wenigstens ein Anfang – und fruchtbarer Boden für gute Gags.

Am Dienstagabend kam das runderneuerte „Boeing, Boeing“ beim Steudltenn-Festival in Uderns zur Tirol-Premiere – und entpuppte sich als Komödie ganz im Sinne Woody Allens: Das Komische kann sich entfalten – und die Figuren bleiben auch in ihrer Überzeichnung greif- und begreifbar.

Erprobt hat Regisseur Hakon Hirzenberger seine Inszenierung bereits im Sommer 2018 bei den Berndorfer Festspielen, wo sich das Stück zum Publikumsmagneten mauserte. Auch im Zillertal wurde das turbulente Treiben euphorisch bejubelt. „Boeing, Boeing“ ist Unterhaltungstheater im besten Sinne, schön choreografiertes Drunter und Drüber, zügig gestaltetes „Tür auf, Tür zu“. Es gibt zünftige Schenkelklopfer, manchen Insider-Schmäh und einige auf Pointe getrimmte Tiefflieger. Doch selbst die entwickeln sich organisch aus dem Irrwitz der Situation. Denn natürlich stehen die drei Teilzeit-Lover (Christoph von Friedl, Julian Loidl und Clemens Matzka) eines Abends zeitgleich vor Bernadettes (Sophie Prusa) Tür. Die Folgen: wildes Versteckspiel zwischen Schlaf-, Gäste- und Hofzimmer und – in den Verschnaufpausen – Beziehungstipps einer unverbesserlichen Schwerenöterin samt herrlich bösen Untergangsbeschwörungen der ebenso resoluten wie kulinarisch hinterhältigen Zugehfrau (Bigi Fischer).

Auch dank der überzeugenden Ensembleleistung vergeht „Boeing, Boeing“ – pardon fürs abgeschmackte Wortspiel – wie im Flug. (jole)