Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.05.2019


Landestheater

„Phantasma X“: Lumpis bitterböser Tagtraum

Der etwas andere Beitrag zum Kaiser-Maximilian-Jahr auf der K2-Bühne: Martin Plattners „Phantasma X“ als bissig-unterhaltsamer Abgesang auf eine vermeintliche Lichtgestalt.

Sollen sie doch Kuchen essen. Max (Johannes Gabl), flankiert von den Ehefrauen Anne (Petra Alexandra Pippan, l.) und Maria (Ronja Forcher).

© LarlSollen sie doch Kuchen essen. Max (Johannes Gabl), flankiert von den Ehefrauen Anne (Petra Alexandra Pippan, l.) und Maria (Ronja Forcher).



Von Markus Schramek

Innsbruck – Kaiser Maximilian I. als jämmerliches Würstchen im Nachthemd, zusammengekauert in einer Kiste, die Narrenkappe auf dem Kopf, mit der Welt hadernd. Ja, darf man das?

Aber sicher! Und Martin Plattner sei gepriesen und ihm dafür gedankt, dass er es tut. Sein Schauspiel „Phantasma X“, ein Auftragswerk für das Tiroler Landestheater, ist der überfällige Gegenentwurf zum gemächlich vor sich hinplätschernden Kaiser-Max-Gedenkjahr 2019. „Bloß nicht anecken am Habsburger-Kaiser!“, lautet dort die Devise. Plattner hingegen fährt ordentlich Schlitten mit dem Monarchen, der vor 500 Jahren sein Leben aushauchte.

Beziehungsweise noch nicht ganz. Denn in „Phantasma X“, am Samstag in der Regie von Verena Koch auf der K2-Bühne uraufgeführt, windet und krümmt sich Kaiser Max (gespielt von Johannes Gabl) seinem Ende entgegen. Er ist zum musealen Ausstellungsstück verkommen. Auf Maxens Vitrine hinterlassen Besucher fettige Fingertapper – wie um zu sagen: „Schaut her, das soll ein Kaiser sein?“

Die Vergangenheit holt den darbenden Regenten ein. Drei Frauen, mit denen er mehr oder weniger verheiratet war, rücken ihm mit spöttischen Kommentaren auf die Pelle: Ronja Forcher als des Kaisers vormals liebste Herzensdame Maria von Burgund; Janine Wegener als Blanka (auch Bianca) Sforza, „die Walsche“ aus Mailand und zweite Kaiser-Gemahlin, für die er kaum noch Nettigkeiten übrig hatte. Petra Alexandra Pippan, als dritte im hämischen Bunde, schlüpft in das schicke Hofgewand von Anne de Bretagne. Deren Ehe mit Max bestand aber nur auf dem Papier und wurde flugs annulliert.

Die drei Frauenzimmer umkreisen die Vitrine mit dem blaublütigen Insassen. In wechselnden Rollen halten sie dem vermeintlichen Vorzeige-Royal den Spiegel vor: als Ehefrauen, als nörgelndes Museumspersonal oder, gekrönt von einer Perücke mit Habsburger-Haarschnitt, als Alter Ego des Kaisers. Und dieses ICH ist wahrlich groß geraten: Prahlerei und Egomanie begleiten Max bis zum Ende seiner Tage.

Selbstkritische Reflexion, geschweige denn Zweifel an seinem Tun sind Max fremd. Er lässt Blanka Zahlen auf den Boden schreiben, die er verschämt unter den Teppich kehren sollte: 1,2 Millionen „tote Männerschenkel“ bedeuten 600.000 gefallene Soldaten in den vielen Kriegen, die er anzettelte. Bis zu 40 außereheliche Nachkommen sind auch kein Ruhmesblatt. Doch der Stammbaum will aufgeforstet werden. Dafür schickt Maximilian I. seiner Gattin Blanka nach deren Tod bloß einen Strauß, noch dazu „mit falsch geschriebenem Namen“, wie sich die wenig geliebte Zweitfrau beschwert.

Plattner, der am Landestheater schon mit zwei Produktionen („Maultasch“, 2015, und „Ferner“, 2018) gelobte Arbeit hinterließ, hat seinen Neuling mit bitterbösem Text versehen. „Phantasma X“, zwischen Wachzustand und Traumwelt angesiedelt, ist die Abrechnung mit einer vermeintlichen Lichtfigur, einem „Lumpi“, wie Max I. im Museum verächtlich genannt wird. Nicht einmal zum Lumpen hat es gereicht.

Die Rollen sind sehr gut besetzt. Johannes Gabl legt den Jammerlappen Max weinerlich und ängstlich an, er heischt um Verständnis beim Publikum, fast tut er uns leid.

Die Frauen bewegen sich mit Verve durch Plattners anspruchsvollen Text- parcours. Ronja Forcher ist als Maria ein Mix aus Liebchen und dahingaloppierendem Wildfang. Petra Alexandra Pippan bewegt sich zwischen gestrenger Museums-Gouvernante und launiger G’schichtldruckerin. „Mein Todeskampf dauerte 13 Wochen – aber wenigstens mit Blick auf die Loire“, sagt sie als Anne de Bretagne. Herrlich grantelnd und gefrustet kommt Janine Wegener herüber. Mit ihren Parts als Blanka und als Museumsputzfrau hat sie auch wahrlich nicht den Jackpot geknackt.

Die Kleinheit der K2-Bühne im Haus der Musik liegt den Akteuren. Schnell entsteht Vertrautheit zwischen Darstellern und Betrachtern.

Es ist ein bisweilen schräges Stück, immer unterhaltsam, oft komisch, nie fad. Karten für die weiteren Vorstellungen gibt es aber nur noch wenige (Info: www.landestheater.at).