Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.05.2019


Bühne

“Astoria“ in Innsbrucker Kammerspielen: Der totale Traum

Elke Hartmann inszeniert Jura Soyfers Polit-Satire „Astoria“ als schrille Weltuntergangsrevue ohne faulen Moralismus in den Kammerspielen.

Berauschtes und berauschendes Ensemble: Tom Hospes, Marion Fuhs, Ulrike Lasta, Sara Nunius, Phillip Henry Brehl, Stefan Riedl und Raphael Kübler (v. l.) in „Astoria“.

© TLT/LarlBerauschtes und berauschendes Ensemble: Tom Hospes, Marion Fuhs, Ulrike Lasta, Sara Nunius, Phillip Henry Brehl, Stefan Riedl und Raphael Kübler (v. l.) in „Astoria“.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Es soll sie immer wieder geben, die findigen Geschäftemacher, die – durchaus erfolgreich – versuchen, heiße Luft zu verhökern. Und auch in der Politik hatten und haben windige Wortakrobaten, die kaum mehr anbieten als die Aussicht auf einen Traum, Konjunktur. Manch besonders geübter Märchenerzähler soll es sogar in Regierungsämter geschafft haben. Mit bisweilen katastrophalen Folgen. Aber, nachher ist man bekanntlich immer klüger. Einer, der vieles schon kommen sah, als andere noch um Verharmlosung bemüht waren, war Jura Soyfer. 1937 brachte er seine Politsatire „Astoria“ zu Papier. Drei Jahre später starb er – nach „Schutzhaft“ in Innsbruck und Internierung in Dachau – in Buchenwald.

„Astoria“, ein an Nestroys Volkstheater und den Parabeln von Bertolt Brechts geschultes Stück, ist an der Grenzlinie von Wirklichkeit und Märchen, von Fakten und Fake angesiedelt. Der Sandler Hupka träumt sich am Vorabend eines möglicherweise mörderischen Winters nach Astoria, einem Staat ohne Land, und schwatzt diese Idee gleich einem Minister ohne Amt und dessen um angemessene Extravaganz bemühter Gattin auf. Der Erfolg ist durchschlagend: Alle wollen nach Astoria, die Abenteurer, die Abgehalfterten und Adabeis, aber auch Spekulanten und Spione. Doch Astoria setzt – no na – auf umfassende Anti-Einwanderungspolitik, wobei selbst gelernte Auslandsastorier für die Teilhabe am totalen, am zusehends totalitärer werdendem Traum alles aufgeben, was ihnen lieb und teuer war: Die Aussicht auf eine bessere Welt befeuert faschistisches Allmachtsgepolter.

Vom Speichellecker zum Vernichtungstechnokraten: Raphael Kübler.
Vom Speichellecker zum Vernichtungstechnokraten: Raphael Kübler.
- TLT/Larl

Am Samstagabend kam das vergleichsweise selten gespielte Stück in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters zur Premiere. Regisseurin Elke Hartmann inszeniert es – durchaus im Sinne der Vorlage – als schrille, manchmal ironiegetränkte, dann wieder knüppelharte Posse – mit mitunter herrlich überdrehtem Revuecharakter. Alexia Engls Bühne ist bis auf einen drehbaren Kubus, auf dem der groß aufspielende Multiinstrumentalist Jakob Köhle den Takt vorgibt, leer. Und trotzdem gibt es viel zu entdecken: musikalisch wird Utopisches (vom „Herrn der Ringe“ bis zur Internationalen) angespielt – und das durchwegs herausragende Ensemble zieht alle Register: Sara Nunius dekliniert sich als ungebremst übersteuerte Schickse durch Mundarten aus aller Herren Länder, Jan Schreiber gibt einen von der eigenen Langeweile herrlich gelangweilten Beinahe-Potentaten. Marion Fuhs stackst höchsthackig mit feuerroter Mähne und mit mächtig rollendem R durchs Birkenwäldchen – und bezaubert wenig später als unanständig anständiges Strichmädl. Auch Ulrike Lasta, Tom Hospes und Phillip Henry Brehl gestalten gleich mehrere Parts mit Marotten und expressivem Mienenspiel aus. Ungemein präzise entwickelt sich Raphael Kübler vom speichelleckenden Zuträger zum teuflischen Vernichtungstechnokraten. Auch Kristoffer Nowak gelingt Erstaunliches: Mit seinen Pistoletti schlurft eine bis ins unverständliche Gebrabbel fein ausgearbeitete Charakterstudie über die Bühne. Und im Zentrum des bunten und verhängnisvoll hysterischen Treibens besticht – einmal mehr – Stefan Riedl als Hupka, der dem Braten, den er der Welt ins Rohr schob, nicht traut – und sich doch an dessen Geruch berauscht.

„Astoria“ ist ein heimtückisch kurzweiliger Rausch. Hochpolitisch, aber ohne auf Effekt getrimmte Aktualisierungswut – und ohne faulen Moralismus.