Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 20.05.2019


Bühne

Das Heute im Gestern erkunden

Abschiedsvorstellung der vier diesjährigen Fellows der Tiroler Künstlerschaft im Innsbrucker Kunstpavillon.

Aus unzähligen kleinen Plastikelementen von Riccardo Giacconi gepuzzelte­r „Vorhang“ mit Grundrissen einer utopischen Stadt.

© tiroler künstlerschaftAus unzähligen kleinen Plastikelementen von Riccardo Giacconi gepuzzelte­r „Vorhang“ mit Grundrissen einer utopischen Stadt.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Die von Andre Siklodi kuratierte Schau gibt Rechenschaft darüber, was Angela Anderson, Michael Baers, Aikaterini Gegisian und Riccardo Giacconi als Teilnehmer des im Künstlerhaus Büchsenhausen lokalisierten Fellowship-Programms für Kunst und Theorie seit Oktober erarbeitet haben. Was formal wie inhaltlich zwar sehr unterschiedlich daherkommt, prinzipiell aber viel miteinander zu tun hat. Geht es doch allen vier um das Erinnern an vergessene bzw. aus den unterschiedlichsten Gründen unterschätzte oder ideologisch verbogene politische Narrative. Deren Ins-Licht-Rücken nicht nur historisch wertvoll, sondern in der Parallele mit heutigen Entwicklungen brisant ist.

Die vier KünstlerInnen teilen sich die „aufbautechnisch höchst aufwändige Schau“ (Siclodi) geschwisterlich. Die auf den ersten Blick augenfälligste Installation ist ein von Riccardo Giacconi in den Pavillon gehängter „Vorhang“, der aus unzähligen bunten Plastikteilchen gepuzzelt ist, wie man sie von Trennelementen italienischer Hinterzimmer kennt. Die Formen, die in einer grob gepixelten Videoästhetik daherkommen, skizzieren die Grundrisse einer in den 1970er-Jahren von Silvio Berlusconi finanzierten „konservativen Utopie“ einer postmodernen Stadt. In der, lange vor seiner Zeit als Medien­mogul, die neue­n Medien eine zentrale Rolle spielten.

Basis von Aikaterini Gegisians 6-Kanal-Videoinstallation sind Ausschnitte aus US-amerikanischen Wochenschauen der frühen 1950er-Jahre. Zelebriert unter sechs unterschiedlichen thematischen Vorgaben aus feministischer Perspektiv­e, wobei zwischen den Bildern von gestern sehr gezielt immer wieder solche von heute – etwa Innsbruck-Idyllen aus Bolly­wood-Produktionen – kurz aufblitzen, wohl um auf diese Weise zu suggerieren, wie wenig sich die Formen gezielter Suggestion geändert haben.

Angela Anderson stellt in ihrer Rauminstallation zwei Ort­e gegenüber, die brennen. Der eine liegt in Norddakota, der andere in Syrien. Da wie dort wird Erdöl mit zweifelhaften, für die Umwelt verheerenden Folgen gefördert. Um da den Krieg zu finanzieren bzw. dort die Töpfe gieriger Kapitalisten zu füllen. Wobei sich in Syrien aktiver feministischer Widerstand formiert, wovon Aktivistinnen erzählen.

Für die Arbeit von Michae­l Baers wurde in den Kunstpavillon ein eigener kleiner Raum im Raum gebaut, dessen braune Farbe allein schon Unbehagen suggeriert. Möbliert ist er mit einer geschnitzten, um die Jahrhundertwende entstandenen Eckbank, wie sie den Nazis gefallen hätte, sowie drei idyllischen Fotografien aus dieser Zeit. Das Setting für eine Audio-Installation, in der es um die fiktionalen Tagebuchaufzeichnungen einer in England lebenden Jüdin geht, die Innsbruck 1933 besucht.