Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.05.2019


Festspiele

Passionsspiele Erl: Eine alte Geschichte steht für Neues

550 Erler streichen wieder den Sommerurlaub und bringen ab 26. Mai das Spiel vom Leiden und Sterben von Jesus Christus auf die Bühne. Eine uralte Geschichte, die für Erneuerung stehen kann.

Am Ende stehen die Auferstehung und der Anfang – das änderten auch Autor Felix Mitterer und Regisseur Markus Plattner nicht, trotzdem wagen sie einen modernen Blick auf die Passionsgeschichte.

© Kitzbichler Am Ende stehen die Auferstehung und der Anfang – das änderten auch Autor Felix Mitterer und Regisseur Markus Plattner nicht, trotzdem wagen sie einen modernen Blick auf die Passionsgeschichte.



Von Wolfgang Otter

Erl – Ein wenig erinnert es an das berühmte kleine gallische Dorf aus Asterix – aber die Einwohner des Passionsspieldorfes Erl stemmen sich nicht gegen römische Legionäre, sondern gegen den Zeitgeist, der sich nicht unbedingt in den Geschichten der Bibel findet. Der notwendige Zaubertrank dafür stammt auch nicht aus dem Topf eines Druiden, sondern entspringt aus der Dorfgemeinschaft und einem jahrhundertealten Gelöbnis: Alle sechs Jahre, manchmal in kürzeren Abständen, lassen sich die Erler ihre Bärte und Haare wachsen und stellen sich auf die Bühne, um die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi zu spielen. Eine Aufgabe, die tatsächlich (nicht nur für die Werbung) von Generation zu Generation weitergegeben wird. An die 550 Erler sind es, vom Baby bis zum Greis, die sich dem knapp 400 Jahre alten Eid verpflichtet fühlen. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Aus religiösen genauso wie aus der Verpflichtung, die aus dem „Erler-Sein“ entspringt, oder nur aus Spaß am Theaterspielen. Und sogar die Gemeindepolitik unterwirft sich der Passion, wie Bürgermeister Georg Aicher-Hechenberger erzählt. Da wird nichts Großes geplant, alle Kraft richtet sich in Richtung Passionsspielhaus.

Dafür bewegt die Dorfgemeinschaft Großes. Sie baute nicht nur vor 60 Jahren ein architektonisch kühnes Gebäude, sondern stemmt auch jede Spielsaison knapp 300.000 Euro Budget.

Wenn sich am Sonntag in einer Woche (13 Uhr) das erste Mal der Vorhang zur Premiere hebt, liegen hinter den Erlern anstrengende Monate. Bei Minusgraden dirigierte Regisseur Markus Plattner, der erstmals 2013 die Spiele nach dem neuen Text von Felix Mitterer auf die Bühne brachte, seine Darsteller. Alles Amateure, was aber den besonderen Reiz an diesem Großprojekt ausmacht. An die 80 Proben waren notwendig, und der Sommerurlaub wird heuer, wenn überhaupt, nur kurz ausfallen. 32 Aufführungen von Mai bis Oktober lassen nicht viel Zeit, um sich Inselträume zu erfüllen.

Mit Plattner und Autor Felix Mitterer haben die Erler vor sechs Jahren ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufgeschlagen, eines, das Verein und Passion, ja vielleicht sogar das Dorf verändert hat, wie manche glauben.

Von Anfang an musste Plattner in seiner Inszenierung einen schmalen Grat bewältigen, um die unterschiedlichen religiösen Ansichten auf einen Nenner zu bringen. Für den bekannten Tiroler Regisseur geht es auch um ein „spirituelles Volksschauspiel“, in dem sich jeder wiederfinden soll. Erl, das sei die Erneuerungspassion, jede Retrobewegung würde dem Projekt schaden.

Vorwärts denkt Felix Mitterer und sein Umgang mit der Kirche ist ein kritischer und schonungsloser, die Erler Passion ist daher eine entromantisierte Geschichte eines Menschen. Jesus stirbt nicht (nur) würdevoll, sondern angst- und schmerzvoll. Und gibt Maria Magdalena den Auftrag, seine Kirche zu führen, verspricht ihr zugleich große Probleme und sieht voraus, dass seine Botschaft missbraucht werden wird. Da dürfte so manchem katholischen Hardliner während des Zuschauens das Schlucken schwerfallen.

Aber Mitterers Passionstext ermöglicht auch, dass sich die Erler weiterentwickeln können. „Wir erleben alle unsere Passion“, ist Plattner überzeugt. Er will in seiner zweiten Regiezeit mit „seinen“ Erlern eine neue Dimension erreichen. Die Diskussionen um die Neuerungswelle 2013 seien abgeschlossen, jetzt ginge es um die Weiterentwicklung. „Das Gefühl von 2013 war in null Komma nichts wieder da, aber es wäre zu wenig“, erzählt Plattner von den Proben. Sechs Jahre liegen dazwischen, Jahre, in „denen das Dorf und jeder Einzelne seine eigene Geschichte erlebt hat“. Diese Schicksale und Ereignisse „müssen auf die Bühne mitgebracht werden“, wie der Regisseur sagt. Die Erler dürfen nicht nur spielen, „sie müssen das leben“, lautet sein Credo. 2013 standen erstmals Jesus-Darsteller Erwin Kronthaler und Florian Harlander abwechselnd auf der Bühne. Heuer wird dies mit neun Hauptrollen geschehen. Plattner hat nicht nur das Spiel auf der Bühne, sondern auch den Ablauf professionalisiert.

Drummond Walker, der neu dabei ist und die musikalische Leitung übernommen hat, probt ebenfalls intensiv mit dem Chor die eigens komponierte Passions­musik von Wolfram Wagner. „Wir sind bereit, die Stufe fünf zu zünden, jetzt brauchen wir nur noch das Publikum“, kommentiert Plattner. Immerhin 60.000 waren es im Jahr 2013. Die Latte liegt also hoch in Zeiten, wo Passionsspiele nicht mehr zu den Straßenfegern gehören.