Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.05.2019


Wiener Festwochen

Endlose Spirale der Demütigung

Wiener Festwochen: Der polnische Regisseur Krystian Lupa zeigt seine quälend aktuelle Auseinandersetzug mit Franz Kafkas Roman „Der Prozess“.

Ein an die Nieren gehender Kafka-Marathon kündet von Polens prekärer politischer Situation.

© magda_hueckelEin an die Nieren gehender Kafka-Marathon kündet von Polens prekärer politischer Situation.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Ein in grellem Rot gehaltenes Neonlichtband umgibt den Guckkasten, in dem in den kommenden fünf Stunden und fünfzehn Minuten der desaströse Verlust von individueller Freiheit, des Vertrauens auf Gerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts verhandelt wird. Im Rahmen der Wiener Festwochen ist das Novy Teatr Warschau zu Gast in der Halle E des Museumsquartiers, mit dem der 1943 geborene stilprägende Regisseur und Bühnenbildner Krystian Lupa Franz Kafkas „Der Prozess“ aufsehenerregend für die Bühne adaptiert hat.

Dabei konfrontiert er Kafkas 1925 posthum erschienenen Roman um den wider besseres Wissen angeklagten Prokuristen Josef K. und dessen zunehmenden Selbstverlust im Labyrinth eines surreal anmutenden bürokratischen Systems mit der aktuellen politischen Situation seines Heimatlandes. Dabei spiegelt schon das Zustandekommen der Theaterproduktion die herrschenden Verhältnisse in Polen, wo die ultrakonservative populistische Partei „Recht und Gerechtigkeit“, kurz PiS, seit dem Antritt ihrer Alleinregierung 2015 massiv am Umbau des Landes in ihrem Sinn arbeitet – mit schwerwiegenden Folgen für den Rechtsstaat und nicht zuletzt auch für den Kulturbereich.

Lupa wanderte nach der Bestellung eines neuen, regierungsfreundlichen Direktors für das renommierte Teatr Polski in Breslau in Richtung Warschau ab, wo „Proces“ im November 2017 schließlich uraufgeführt wurde. Der Regisseur und sein atemberaubendes Ensemble verzichten in diesem imposanten Projekt jedoch vollkommen auf direkte Fingerzeige ins Heute, dem Publikum wird mit der Kraft stupender Bilder genügend Raum für Assoziationen gegeben.

Hager und verloren wie eine Figur des Bildhauers Alberto Giacometti bewegt sich da der Josef K. des Andrzej Kłak durch bizarre Räume der totalen Verunsicherung. Dabei verschmilzt Kafkas Protagonist immer wieder mit dem Autor Kafka, kommt es zu intensiven Begegnungen mit der Verlobten Felice Bauer, mit der Freundin Grete Bloch oder seinem Verleger Max Brod.

Mit Lichtstimmungen, je nach Beleuchtung durchscheinenden oder dichten Gaze-Bahnen, exzellenten Videos und Live-Kamera entstehen dystopische Schauplätze, vom Gerichtssaal bis hin zu einer Krankenstation von augenscheinlich Todgeweihten, unter denen der nackte Franz K. wie ein leidender Christus anmutet. Stilelemente wie das Raunen deutsch gesprochener Originalzitate aus dem Off, bewusst zerdehnte Szenen von bis in kleinste Regungen schmerzlicher Genauigkeit und die nahezu missionarische Leidenschaft, mit der die Schauspieler agieren, formen diesen fordernden Abend zu einem Kunstwerk. Mitternächtlicher Applaus für einen der ersten Höhepunkte der diesjährigen Festwochen.