Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 26.05.2019


Wien

Go West auf Lipizzaner-Rücken

Uraufführung mit Minichmayr, Peters, Wuttke: René Polleschs High-Class-Pistoleros zwischen Lipica und Ibiza.

Reiten für René Pollesch: Birgit Minichmayr (l.) und Caroline Peters suchen ihr Glück auf dem Rücken der Pferde.

© Reinhard Werner/BurgtheaterReiten für René Pollesch: Birgit Minichmayr (l.) und Caroline Peters suchen ihr Glück auf dem Rücken der Pferde.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Mattgrüne Auslegeware als Bodendecker und im Stil eines leicht schäbigen Fotostudios an einer Rückwand aufgezogen: Die Bühne des Akademietheaters hat Katrin Brack in staubiges Grasland verwandelt, in das sich mit sechs weißen und einem braunen Lipizzaner geschichtsträchtige Edelpferde verirrt haben. Wunderbare (Bühnen-)Tiere, gesattelt und willig, ihre fünf Bereiter durch einen 90-minütigen Abend im Zeichen René Polleschs zu tragen. „Deponie Highfield“ nennt sich das neue, in Zusammenarbeit von Wiener Festwochen und Burgtheater entstandene Werk, das die Erwartungen der Anhängerschaft des Stücke-Ent- und Verwicklers anlässlich der freitäglichen Uraufführung offenkundig nicht enttäuscht. Für jene im Publikum, die diesem Ritt über den schillernden Quassel-See weniger abgewinnen können, bleibt die Freude, einem hochkarätigen Darsteller-Team beim fundamentalen Spaß am eigenen Tun zuzusehen.

Mit James Last vom Band wird man eingestimmt, bevor Elmer Bernsteins geniale Titelmelodie aus dem 60er-Jahre-Kultfilm „Die glorreichen Sieben“ in den Wilden Westen entführt, wo Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Kathrin Angerer, Irina Sulaver und Martin Wuttke im Edelcowboy-Outfit (Kostüme: Tabea Braun) in die Sättel steigen. Nicht zu vernachlässigendes Mitglied der irren Reiterstaffel ist, wie immer bei Pollesch, die Souffleuse (Sybille Fuchs), die allzeit bereit beim Parforce-Ritt durchs Diskurs-Stakkato sekundiert. „Die glorreichen Sieben, die kucken sich immer so verliebt an, und wir?“, klagt Minichmayr, nachdem die Truppe, zwischen den Pferden Deckung suchend und mit ihren Pistolen heftig um sich schießend, einen Angriff aus dem Hinterhalt heldenhaft überstanden hat. Beziehungen und die Flüchtigkeit von Erinnerung daran sind ein ins Absurde geschraubtes Leitthema, dazwischen die Frage, ob man auf Lipizzanern rauchen darf, und die grandiose Panikattacke, man könnte sich an Peters’ Bindehautentzündung anstecken. Kathrin Angerer möchte dann doch lieber über das Individualitäts-Bewusstsein malender Elefanten sprechen, Birgit Minichmayr führt Dressur-Versuche mit Orang-Utans ins Treffen, bevor mit der Behauptung eines „repräsentationistischen Realismus“ die Bedeutung von Darstellung heftig diskutiert wird.

Mit irren – und sehr amüsanten – Volten galoppieren die fünf Verschworenen mit einigem Gesprächstempo von Hofreitschule zu Burgtheater, kotzt eines der Pferde auf das Bühnengrün und verliert Wuttke seine Koksline auf dem Lipizzaner-Rücken. Dass Kathrin Angerer das slowenische Lipica mit Ibiza verwechselt, ist die aufgelegte (Achtung: Kalauer!) „Line“ zur unsäglichen wie kabarettreifen Insel-Eskapade der Herren Strache und Gudenus. Im besten Sinn gehen den allesamt bemerkenswerten Schauspielern die Gäule durch – zur Beglückung eines merklich angetanen Premierenpublikums, das sowohl diese als auch das Regie-Team mit andauerndem Applaus feierte.