Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.05.2019


Innsbruck

Umgedreht und aufgespießt: Erstes österreichisches Gutmenschentheater

Gutmenschen unter sich: Katharina Pizzera, Volker Wahl, Stephan Lewetz und Sophie Hichert (von links).

© Andreas HechenbergerGutmenschen unter sich: Katharina Pizzera, Volker Wahl, Stephan Lewetz und Sophie Hichert (von links).



Die ersten Minuten sind schlicht brillant: Zwei Pärchen, Theatergänger in gutem Tuch, betreten den Bühnenraum, setzen sich hin und blicken geschmäcklerisch gelangweilt ins Publikum. Ob das Stück bald beginne, will eine wissen. Was denn überhaupt gegeben werde, fragt die andere. Der Blick ins Programmheft offenbart: eine Performance, offensichtlich — oh Schreck — mit Laien besetzt. Obwohl, der schräge Vogel ganz rechts könnte vielleicht sogar ein Prof­i sein. Allerdings einer in fragwürdigem Kostüm.

Das Publikum wird zu Beginn des „Ersten österreichischen Gutmenschentheaters" — einer Produktion der Gruppe Chromosom xx, die derzeit im Innsbrucker Theater praesent gastiert — zum Beobachtungsobjekt, zum Gegenstand von Kritik und abschätziger Fachsimpelei. Kurzum: Der Spieß wird vorübergehend umgedreht. Mit dem verblüffenden Resultat, dass die echten Theatergänger das eigene Verhalten, aber auch Arbeit, Kunst, Technik und Haltung der Darsteller (Sophie Hichert, Stephan Lewetz und Volker Wahl) und des Musikers (Benjamin Baierlein) intensiver wahrnehmen. Das „Gutmenschen­theater" stellt Theatermenschen aus, gibt Marotten, Ängsten und Nöten Raum. Und stellt den Raum selbst in Frage. Was kann Theater? Was soll es? Soll es überhaupt?

Das von Bernadette Heid­egger mit ihren Schauspielern entwickelte und kompakt durchinszenierte Stück spielt Standardsituationen (Proben, Premierenfeier, Casting) durch, nimmt manches auf die Schaufel und Theater als solches ernst. Wobei gilt: Wer Theater liebt, der nimmt es ernst. Und wer Theater ernst nimmt, der liebt dieses „Gutmenschen­theater". (jole)