Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.06.2019


Wiener Festwochen

Isabelle Huppert: Königin der makellosen Schauspiel -Präzision

Isabelle Huppert bei den Wiener Festwochen: Die französische Schauspielerin brilliert in einem Maria-Stuart-Monolog.

Großes Solo für Isabelle Huppert: Die französische Schauspielikone gastierte mit „Mary Said What She Said“ bei den Wiener Festwochen.

© © Lucie JanschGroßes Solo für Isabelle Huppert: Die französische Schauspielikone gastierte mit „Mary Said What She Said“ bei den Wiener Festwochen.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Soll oder muss man Mitleid haben mit dieser Frau, deren Leben von der Wiege bis zur Bahre, von der symbolischen Krönung zur Königin, sechs Tage nach ihrer Geburt anno 1542, bis hin zum Tod durch das unsicher geführte Beil eines betrunkenen Henkers 45 Jahre später von machtpolitischem Kalkül, Intrigen und unterschiedlichsten Erregungen begleitet war?

Jene Maria Stuart, die auf der Bühne der Halle E des Museumsquartiers steht, verweigert jegliche beseelte Anteilnahme. Sie ist und bleibt vielschichtige wie klarsichtige Herrscherin über ihr Innenleben und ihr Schicksal. Isabelle Huppert, derzeit mit dem Psychothriller „Greta“ auch im Kino präsent, erobert sich diese Frauengestalt mit atemberaubender Vehemenz. Vergessen macht sie Friedrich Schillers Annäherung an Maria Stuart ebenso wie Stefan Zweigs Auseinandersetzung, vergessen macht sie auch die zahlreichen Filme, die sich dem Leben der schottischen Königin, französischen Kurzzeitregentin und ewigen Gegenspielerin Eliza­beths I. widmen. Wenn sich der rote, mit schweren Goldfransen verbrämte Samtvorhang von „Mary Said What She Said“ hebt, taucht zwischen zwei gleißenden, ein Vorne und Hinten markierenden Boden-Lichtleisten eine Schattenriss-Figurine auf, puppenhaft zierlich, mit elegant angewinkelten Armen, ein leicht schwankendes, unnahbares Bilderbuchwesen.

Der amerikanische Theater-Magier Robert Wilson schuf für Huppert ein schillerndes Großreich, bevölkert einzig von Lichtstimmungen, den Gesten und Stimm-Farben der Darstellerin. Tritt sie aus dem Schatten, blickt man in ein weißes Gesicht, eingebettet in eine Halskrause, die einen vielsagenden Abstand zwischen Kopf und Körper darstellt.

Es sind die letzten Stunden vor der von Elizabeth I. befohlenen Hinrichtung, in die Autor Darryl Pinckney seinen Monolog als reißenden Erinnerungsstrom eingebettet hat. Rasend, gefährlich, anmutig, immer wieder von hysterischem kurzen Auflachen unterbrochen, reflektiert die Mary der wohl ikonischsten französischen Schauspielerin die eigene Vergangenheit. Hellblau, Orange oder Finsternis wechseln sich ab, illustrieren die hechelnd und keuchend dargebotenen Gefühle wie Hass, Angst und Lust.

Mit abgezirkelten Schritten und immer neuen Bewegungen der Arme rhythmisiert Isabelle Huppert den Text, der sich damit gleichsam vom Inhalt zu lösen beginnt und mit dem Huppert-Klang, Wilsons Lichtregie und Ludovico Einaudis Bühnenmusik verschmilzt. Glasklar, faszinierend und trotzdem eiskalt ist dieser Abend der Superlative.

Großes, glattes Theater, das am Donnerstag das Wiener Festwochenpublikum ebenso jubeln ließ wie die Besucher der Uraufführung vor einigen Tagen am Théâtre de la Ville in Paris.


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