Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.06.2019


Orest in Mossul

Milo Rau: Wagemut, streng nach Methode

Performative Tribunale, ein Theater-Reinheitsgebot, Bühnen-Kunst als Gefäß der Gegenwart. Der Schweizer Regisseur, Autor und Filmemacher Milo Rau polarisiert. Porträt eines Unbequemen.

„Die Politisierung der Wahrnehmung der Welt ist die Aufgabe der realistischen Generation“ – und das Credo von Milo Rau.

© imago/tagesspiegel„Die Politisierung der Wahrnehmung der Welt ist die Aufgabe der realistischen Generation“ – und das Credo von Milo Rau.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Am Donnerstag zeigen die Wiener Festwochen mit „Orest in Mossul“ Milo Raus jüngste, im April am NT Gent/Belgien uraufgeführte Produktion, in der er die „Orestie“ des Aischylos mit den Erfahrungen von Überlebenden des Kampfes in und um Mossul/Irak verknüpft.

Seit Herbst 2018 ist der 1977 in Bern geborene Rau Intendant des Nationaltheaters Gent, das er, der ausgebildete Soziologe, Romanist, Germanist und Bourdieu-Schüler, als „Stadttheater der Zukunft“ denken und gestalten möchte. Zehn Gebote, gegossen in das „Genter Manifest“, erarbeitete das von ihm geleitete Team und sorgte damit für einigen Wirbel in der europäischen Theaterszene.

Die erste Regel formuliert Grundlegendes, das Rau in seinen theoretischen Schriften (nachzulesen u. a. in „Das geschichtliche Gefühl“, Alexander-Verlag, Berlin 2019) mit dem Begriff des „globalen Realismus“ illustriert: „Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern. Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird.“

Regel vier rüttelt schon einmal heftig am Gebälk des vor allem im deutschsprachigen Raum nach wie vor bürgerlichen Theaters: „Die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne ist verboten. Wenn zu Probenbeginn ein Text, ob Buch, Film oder Theaterstück, vorliegt, darf dieser maximal zwanzig Prozent der Vorstellungsdauer ausmachen.“

Mehrsprachigkeit, ein fixer Anteil an Laiendarstellern, obligatorische Tourneen der einzelnen Arbeiten und, siehe „Orest in Mossul“, die Umsetzung einer Produktion jährlich in einem Kriegs- oder Krisengebiet sind weitere Selbstverpflichtungen, die Rau für sein Haus einfordert.

Eingeflossen sind diese schon zur Eröffnung der Intendanz in „Lam Gods“, deutsch „Der Genter Altar“, in dem der Regisseur ein über 50-köpfiges Ensemble von Bühnenprofis, Genter Bürgern, Kinderchor bis zu Schaf und Hund vereinte, um als „Lebendes Bild“ im Zeichen des berühmten mittelalterlichen Flügelaltars der Brüder Jan und Hubert van Eyck nichts Geringeres als Fragen über das Leben zu stellen.

Wie sehr die „reale Involviertheit“, das fast manische Eintauchen in Themen und Orte, zu einer Auflösung der Grenzen zwischen der Bühne als fiktionalem Raum und der Realität führen kann, zeigt sich am Beispiel des transmedialen Kunstprojekts „Kongo-Tribunal“. Dabei versammelte Rau im Mai 2015 im Ostkongo Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal, das den Rücktritt zweier Minister nach sich zog.

Mit „Die letzten Tage der Ceausescus“ reinszenierte der „ambitionierteste Künstler unserer Zeit“ (The Guardian) den Schauprozess gegen das rumänische Diktatoren-Ehepaar in originalgetreu nachgebauten Kulissen und tourte durch Rumänien, Deutschland und die Schweiz. Für „Five Easy Pieces“ holte Rau Kinder und Jugendliche vor den Vorhang, die über das Aufrollen der Biografie des Mörders Marc Dutroux Tabus und Schmerzpunkte im privaten wie politischen Handeln sichtbar machten.

Rastlosigkeit ist Programm. Nach der Arbeit unter schwierigen Bedingungen in Mossul und der, zumindest in Gent mit einiger Begeisterung aufgenommenen, Uraufführung reist Milo Rau nun in die Kulturhauptstadt 2019, ins süditalienische Matera, um sich mit dem Filmprojekt „Das Neue Evangelium“ dem Leben Jesu zu widmen.

Nach Premieren im Irak und in Belgien ist Milo Raus Aischylos-Adaption „Orest in Mossul“ Gast bei den Wiener Festwochen.
Nach Premieren im Irak und in Belgien ist Milo Raus Aischylos-Adaption „Orest in Mossul“ Gast bei den Wiener Festwochen.
- Stefan Blaeske

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