Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.06.2019


Wien

Catwalk mit Johann Sebastian und Hildegard-Meditation

„Mein Gehen ist mein Tanzen“ – De Keersmaeker bewegt Bachs Brandenburgische Konzerte.

© Anne Van Aerschop„Mein Gehen ist mein Tanzen“ – De Keersmaeker bewegt Bachs Brandenburgische Konzerte.



Festwochen-Hochglanz im ausverkauften Theater an der Wien: Die belgische Star-Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker feiert mit ihrer Compagnie Rosas Johann Sebastian Bachs Sechs Brandenburgische Konzerte. Vier Tänzerinnen und zwölf Tänzer, ganz junge wie Langzeit-Mitglieder der 1983 gegründeten legendären Truppe, betreten die von einem eleganten Halbrund beschirmte und in verschiedene Lichtstimmungen getauchte Bühne. In den folgenden zwei Stunden werden sie mit Verve, Akkuratesse und einem Hauch Ironie ein fulminantes Bewegungsvokabular entwickeln, das sich gleichsam geometrisch — Reihe, Kreis und Zickzack sind Keersmaekers Formenrepertoire — an Bachs Komposition annähert.

In ein förmlich schwarzes Tuch und Netztops gekleidet schreiten die Tänzer zu Beginn in breiter Linie nach vorne, gehen, noch im Takt und einzelnen Instrumenten beigeordnet, bevor sie Musik-Passagen individuell deuten, springen, sich drehen, rollen, in den Handstand gehen oder kurz den Fortnite-Floss-Tanz zitieren. Schön anzusehen, weniger schön anzuhören. Die Solo-Violinistin Amandine Beyer und das Genter B'Rock Orchestra, ein Ensemble, das sich dem Dialog zwischen Musik und anderen Kunstformen verschrieben hat, sausen rechtschaffen unbekümmert durch Bachs hochdiffizile, prächtige und gleichzeitig so ausgelassen fröhliche Konzerte, dass deren Strahlkraft nur als Ahnung vorhanden ist.

Musik und Tanz ganz anderer Natur ließ sich einige Tage zuvor in den ebenfalls von den Festwochen bespielten Gösserhallen hinter dem Hauptbahnhof bestaunen. Nahezu hüllenlos, die Körper mit Schriften der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen verziert, performten die französischen Künstler Marie-Pierre Brébant (ukrainische Lautenzither) und François Chai­gnaud (Tanz und Stimme) mit „Symphonia Harmoniæ Cælestium Revelationum" eine szenisch zwar fragwürdige, musikalisch jedoch umso eindrücklichere Einfühlung in den Kosmos von Bingens Musik-Dichtung. (lietz)


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