Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.06.2019


Bühne

Burgtheater-Spielplan: Theater ohne alle Grenzen

Das Geheimnis ist gelüftet: Burgtheaterdirektor Martin Kušej stellt den prallen Spielplan der ersten Saison vor und macht Lust auf eine – seine – neue Ära.

Martin Kušej stellt Team und Ensemble in den Vordergrund.

© APAMartin Kušej stellt Team und Ensemble in den Vordergrund.



Von Bernadette Lietzow

Wien –Es wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum ist das ganze Spektrum der Gesellschaft eingeladen.“ Diese erhabene Zielsetzung findet sich im Vorwort des ersten, im Übrigen grafisch recht poppig gestalteten Spielplanheftes, das von den zahlreichen, nicht nur auf Schauspiel konzentrierten Vorhaben kündet. Für vorab einmal fünf Jahre tritt Martin Kušej an, das Burgtheater in seiner Weise zu entgrenzen und zu einem einladenden Ort der „Vielsprachigkeit“ zu machen: im Wortsinn wie übertragen auf die unendlichen „Sprachen“ der Kunst.

Schon die beiden Eröffnungspremieren sind Ausweis dafür: Am 12. September hebt sich der Vorhang des Burgtheaters zu Euripides’ „Die Bakchen“ in der ästhetisch wie formal signifikanten Handschrift des deutschen Regisseurs Ulrich Rasche, dessen Inszenierung von Aischylos’ Tragödie „Die Perser“ bei den Salzburger Festspielen 2018 für Furore sorgte.

Am nächsten Tag folgt am Akademietheater mit „Vögel“ des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad eine Produktion, die das Nebeneinander verschiedener Sprachen erprobt. Auf Hebräisch, Arabisch, Deutsch und Englisch wird sich da eine nahöstliche Familiengeschichte im Spannungsfeld zwischen Identität, Nation und Religion entrollen. Der israelische Schauspieler und als solcher auch Mitglied des neuen Ensembles, Itay Tiran, zeichnet dabei für die Regie verantwortlich.

Eine ungewöhnliche Sicht auf „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ wird Sebastian Nübling vorstellen, wenn im Februar mit „This is Venice“ die Verschränkung von Shakespeares Tragödie wie seiner bitteren Komödie aus der Feder der Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen Premiere feiert.

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó bringt eine Neudeutung des „Tosca“-Urstoffes von Victorien Sardou zur Uraufführung, das estnische Künstler-Duo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo widmet sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“, der Isländer Thorleifur Orn Arnarsson erzählt mit „Die Edda“ die nordische Mythensammlung neu. Mit großzügigen fünf Produktionen werden Familien, Kinder und Jugendliche eingeladen, Österreichs Erste Bühne als ihr Haus zu betrachten.

Der Neo-Hausherr steuert mit Kleists „Hermannsschlacht“ einen üppigen Klassiker bei, neben einigen (nicht extra abgegoltenen, wie Kušej im Hinblick auf vergangene Direktorate, siehe Hartmann, betont) Übernahmen von Arbeiten aus der vorherigen Wirkungsstätte Residenztheater München.

Neue Gesichter „aus vielen Ecken Europas“ bereichern das entgegen der Aufregung im Blätterwald und auch im Vergleich zu anderen Intendantenwechseln durchaus vertretbar ausgedünnte Ensemble. Mit Bibian Beglau, Till Firit, Norman Hacker oder Nora Buzalka wechseln „Resi“-Schauspieler nach Wien, neu ist auch die Ungarin Annamária Láng, die unter der Regie von Regisseur Kornél Mundruczó in der Adaption von J. M. Coetzees Roman „Schande“ und im Stück „Scheinleben“ in den vergangenen Jahren das Wiener Festwochenpublikum beeindruckte.

Freuen darf man sich zudem auf Birgit Minichmayr und Tobias Moretti, den von der Josefstadt abgeworbenen Florian Teichtmeister oder auf Rainer Galke, bis dato eine der Stützen des Volkstheaters unter Anna Badora.

Eine kleine Enttäuschung für die Neugierde des Feuilletons stellte die ebenso neckische wie unbeirrte Weigerung dar, die Besetzung von Hauptrollen in den Vordergrund zu rücken – ziemlich konsequent entlang des stark hervorgestrichenen Verständnisses als Team. Erwartete man vom neuen Theaterdirektor einige „fette“ Sager, zu denen er erwiesenermaßen in der Lage ist, wurde man bei dieser Pressekonferenz enttäuscht, vielmehr stand der „fette Spielplan“ (O-Ton Kušej) im Mittelpunkt und sein expliziter Wille, das Burgtheater „klug und sachlich“ zu leiten. Leinen los!


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