Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Bühne

Durch Schuberts Zwielicht

Bemerkenswerte CD-Einspielung der „Winterreise“-Lieder durch den vielgefragten Tiroler Bassbariton Martin Achrainer und den Pianisten Tommaso Lepore.

Der Tiroler Bassbariton Martin Achrainer in der Aufführung von Schuberts „Winterreise“ am Landestheater Linz.

© Reinhard WinklerDer Tiroler Bassbariton Martin Achrainer in der Aufführung von Schuberts „Winterreise“ am Landestheater Linz.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Dass die „Winterreise“, Franz Schuberts 24 „schauerliche“ Lieder, wie er sie nannte, über die Begrifflichkeit eines Liederzyklus hinausreicht, ihn emotional sprengt, ist nicht zuletzt an den unzähligen Visualisierungsversuchen abzulesen. Ihre Spannweite reicht von peinlichem Dilettantismus über die Reaktionen bildender Künstler und die erstaunlichen „Winterreise“-Gemälde bzw. -Grafiken bedeutender Sänger und Sängerinnen, die musikalisch unendlich mehr dazu zu sagen haben, bis zu besonderen Bühnenwirkungen. Eine hochgelobte Aufführung von Hermann Schneider, live interpretiert von Martin Achrainer und Tommaso Lepore, fand zuletzt in der BlackBox des Landestheaters Linz statt und wird dort am 3., 5., und 7. Dezember 2019 erneut gezeigt.

Begleitend veröffentlicht Preiser Records eine CD, die dokumentiert, auf welch hohem Niveau Schuberts Zyklus hier erarbeitet wurde. Achrainers Karriere führte den jungen Tiroler vom Tiroler Landestheater an das Landestheater Linz, dessen Ensemble er trotz Verpflichtungen im In- und Ausland noch immer angehört. „Ein Publikumsliebling“, tönt es aus Oberösterreich.

Achrainers Bassbariton entwickelte sich klangschön, ausgeglichen, viril und harmonisch timbriert mit einer seltenen Spanne von einem sensiblen Pianobereich, den er noch zu beleben versteht, zu einer fundierten, klaren Tiefe. Mit großer Wortdeutlichkeit führt er durch die Lieder, trotz ihrer Schönheit und Wärme wird die Stimme im Ausdrucksbereich von Sehnsucht, Schmerz, bitterer Ironie und Lethargie zum Spiegel der inneren dramatischen Regungen des Wanderers. Tommaso Lepore ist erweiternder Teil dieses Spiegels, das Tiefsinnige, Erinnernde, Impulsive, Naturnahe, das Dur-Moll-Zwielicht Schuberts liegt auch in seinem differenzierten, schönen Anschlag. Achrainers anfängliche Eigenart, nach prachtvoller Artikulation die Töne leicht nachzudrücken, ist mit dem sechsten Lied, „Wasserflut“, vorbei. Eine „Winterreise“, die Vergleichen standhält.

Die „Don Giovanni“-Premiere kommenden Samstag am Tiroler Landestheater erinnert daran, dass Martin Achrainer hier 2006 den Masetto gesungen hat. Außerdem war er in Brittens „Peter Grimes“, Purcells „The Fairy Queen“ und Strauss’ „Salome“ zu hören. In Linz gipfelten nun seine vielen Rollengestaltungen – Achrainer absolvierte das Max Reinhardt Seminar, bevor er sein Gesangsstudium an der Wiener Musikuniversität aufnahm – in Partien wie Mozarts Don Giovanni, Wagners Kurwenal oder Tschaikowskys Eugen Onegin. Der Vielseitige gewann Wettbewerbe, singt zahlreiche Konzerte und absolviert Gastspiele, die ihn bisher u. a. zu den Bregenzer und Salzburger Festspielen, an das Theater an der Wien und die Neue Oper Wien, zur Brooklyn Academy of Music New York, in das Bunka Kaikan und die Suntory Hall Tokio, die Festival Hall Osaka, nach Basel und Luzern führten.