Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Bühne

Festspiele Erl: Vogelgesang in wahrer Vollendung

Bei den Festspielen in Erl wagte man einen Sänger-Wettstreit mit der Nachtigall.

Bianca Tognocchi brillierte als Nachtigall des Abends und machte Lust auf die Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels.

© Markus HauserBianca Tognocchi brillierte als Nachtigall des Abends und machte Lust auf die Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels.



Von Markus Hauser

Erl – Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die man am Samstagabend im Rahmen eines Kammermusikkonzertes der Tiroler Festspiele Erl besang. Dozenten des Music Education Centers und Solisten des Festspielorchesters widmeten sich der Nachtigall als symbolträchtigem Sänger der Nacht.

Der Gesang des unscheinbaren Meistersängers war seit Anbeginn allen musikalisch kreativen Schaffens unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Georg Friedrich Händels „Sweet Bird“ aus dem Oratorium „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato”, HWV 55 stand ebenso auf dem Programm wie Léo Delibes’ „Le Rossignol“ für Sopran, Flöte und Klavier, Eva Dell’Acquas „Villanelle“ für Sopran und Klavier bis hin zum Prolog und Vorspiel aus „Die Vögel“ von Walter Braunfels (1882–1954) als Vorgeschmack auf das Highlight des Festspielsommers. Bekanntes und Entdeckenswertes sozusagen.

Der strahlende Sopran Bianca Tognocchis, der Nachtigall des Abends, erhob sich makellos in die laue Sommernacht. Ihre Koloraturenkunst saß perfekt. Die künstlerische Körper- und Seelentemperatur blieb angenehm bis ins kleinste Detail und verband sich auf das Angenehmste mit der beeindruckend tiefenscharf und plastisch differenzierten Klangkultur des mit Veronika Fuchs (Flöte), Paolo Troian (Klavier), Alejandro Tello (Oboe), Karin Mischl (Klarinette), Maria Palme (Fagott), Gabriel Cupsinar (Horn) und Anastasia Sychova (Violine) besetzten Ensembles. Bianca Tognocchi ist Absolventin des Giuseppe-Verdi-Konservatoriums in Mailand und tritt seit 2012 regelmäßig bei den Tiroler Festspielen in Erl auf.

In nicht minder kultivierter Schönheit verbeugten sich die Instrumentalisten vor Francis Poulencs Sextett in C-Dur für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn und Ottorino Respighis „Pini di Roma“/Pini di Gianicolo. Auf welche Opernkostbarkeit man sich im Sommer mit Walter Braunfels’ „Die Vögel“ freuen darf, zeigte der Prolog und das Vorspiel. Die 1920 in München mit großem Erfolg uraufgeführte Oper des tonal arbeitenden Braunfels, eine sehr persönliche Abwandlung von Aristophanes’ Vorlage, in der es tatsächlich zum Krieg zwischen den Vögeln und Zeus kommt, ist ein überaus eindrucksvolles, differenziertes, farben- wie nuancenreiches Kunstwerk, das in Tirol noch nie zu hören war. Nach der Pause ging es vom Konzertsaal ins Fo­yer und die drei Klarinetten von Guido Sperl, Christian Pfeifer und Gebhard Wieder übernahmen, grundiert mit dem Kontrabass von Robert Bischoff, den ornithologischen Teil des weiteren Programms. Ornithologisch im Sinne von Melodien, die zur Zeit der Wiener Klassik wohl die Spatzen von den Dächern pfiffen.




Kommentieren


Schlagworte