Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 16.06.2019


Kammerspiele

„Die Deutschlehrerin“: Ein bravouröses Paar

„Die Deutschlehrerin“ in den Kammerspielen: Judith Taschlers Roman als Vorlage für ein packendes Stück Theater.

Reich mir die Hand, mein Leben. Mathilda (Antje Weiser) und Xaver (Jan-Hinnerk Arnke) auf Annäherungskurs.

© LarlReich mir die Hand, mein Leben. Mathilda (Antje Weiser) und Xaver (Jan-Hinnerk Arnke) auf Annäherungskurs.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Premierenabend vorgestern in den Kammerspielen, genau genommen steht sogar eine Uraufführung auf dem Programm: Judith W. Taschlers Roman „Die Deutschlehrerin“ kommt erstmals als Theaterstück vor das erwartungsfroh­e Publikum. Den Inhalt kennen viele. Mit über 100.000 verkauften Exemplaren ist Taschlers Beziehungskiste aus dem Jahr 2013 ein Mega-Seller.

Schauspieldirektor Thomas Krauß führt Regie. Er hat das literarische Geflecht einer großen Liebe für die Bühne adaptiert.

Um es vorwegzunehmen: Es ist ein packendes Stück Theater geworden, ohne Firlefanz und Spezialeffekte, getragen von der bravourösen Spiel- und Sprechkunst zweier Darsteller, ein Schauspiel fürwahr, das den Betrachter in seinen Bann zieht.

Die Rollen von Deutschlehrerin Mathilda Kaminski und ihres Ex-Langzeitpartners Xaver Sand sind maßgeschneidert für die beiden Landestheater-Schauspieler Antje Weiser und Jan-Hinnerk Arnke.

Mathilda und Xaver begegnen einander nach langer Zeit in Innsbruck wieder, wo Mathilda Deutsch unterrichtet. Xaver, ein gefeierter Jugendbuchautor, kommt als Gast zur Aktion „Schüler treffen Schriftsteller“.

Vor 16 Jahren hatte Xaver Mathilda verlassen, einfach so, um die deutsche Promi-Tochter Denis­e zu ehelichen. Ein Kind, das sich Mathilda so sehr gewünscht hatte, stellte sich in Xavers neuer Beziehung alsbald ein. All das entnahm Mathilda der Klatschpresse.

Doch dann war es vorbei mit dem vermeintlichen Glück. Denise weilte im Ausland, und so wurd­e der kleine Jakob Xaver überantwortet. Doch der versagte kläglich bei der Aufsicht über den Buben, der, wie sich herausstellt, gar nicht Xavers Lenden entstammt. Xaver vergnügte sich mit dem schwedischen Au-Pair-Mädchen (Klischees wie dieses scheinen schwer auszumerzen zu sein). Derweil verschwand der Bub und wurde nie mehr gefunden. Xaver trägt zeitlebens an dieser Schuld.

Dem Wiedersehen in Tirol geht im Buch ein heftiger Wechsel per E-Mail voraus. Wie aber lässt sich solches Hin- und Her-Getippe auf die Bühne bringen? Regisseur Krauß behilft sich auf amüsante Weise: Mathild­a und Xaver werfen sich Papierflugzeuge zu, das Eintreffen wird mit einem kurzen „Pling!“ signalisiert. Dann liest der Empfänger, vermeintlich vor dem Computer, die Nachricht laut und kommentierend.

Auf der Bühne (Helfried Lauckner) sind Stühle unterschiedlichster Bauart angeordnet. Wer genau hinsieht, kann in den Reihen Stuhlpaare ausmachen, einem Memory-Spiel gleich. Vielleicht als Hinweis auf zwei Menschen, die sich finden?

Nichts lenkt jedenfalls ab von der Glanzleistung der beiden Darsteller. Antje Weiser und Jan-Hinnerk Arnke haben ihr­e Parts verinnerlicht. Intensiv, emotionell, doch ohne jede Verkrampfung stemmen die beiden ohne Pause 100 Minuten lang eine Menge Text. Glatt würde man es ihnen abkaufen, tatsächlich einst Partner gewesen zu sein. Beim ersten Treffen nach der Trennung funkt und knistert es gehörig, ganz so wie es ist, wenn man einem Herzensmenschen gegenübersteht.

Man hätte dem Paar eine zweite Chance gewünscht. Doch eine Zukunft ist ihm nicht beschieden. Mathilda ist krank und stirbt. Das Wiedersehen mit Xaver war kein Zufall, sondern bewusst arrangiert.

Großes Lob an das gesamte Team. Nach Schwachstellen suchte man an diesem Abend vergeblich.