Letztes Update am Di, 18.06.2019 10:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Luftsprünge einst und jetzt: Enrique Gasa Valga im TT-Interview

Enrique Gasa Valga ist seit zehn Jahren Tanz-Chef am Landestheater und möchte das auch weiter bleiben. Ein Gespräch über die Härte tänzerischer Ausbildung sowie die weitere Karriere- und Familienplanung.

Enrique Gasa Valga sieht die Tanzcompany personell am Limit: „Ich hätte gerne mehr Tänzer.“

© Thomas Boehm / TTEnrique Gasa Valga sieht die Tanzcompany personell am Limit: „Ich hätte gerne mehr Tänzer.“



Gelegentlich müssen Sie noch auf die Bühne, wenn Tänzer der Tanzcompany ausfallen. Vor Kurzem war das bei der Neuproduktion von „Frida Kahlo“ der Fall. Sind Sie gerne Einspringer?

Enrique Gasa Valga: Ich habe die Rolle von Fridas Vater getanzt. Das hat altersmäßig gut gepasst (lacht). Der Auftritt war natürlich aber eine Ausnahme. Ich bringe Erfahrung ein und biete schauspielerisch etwas an. Mit unseren aktiven Tänzern kann ich mich nicht mehr messen.

Schmerzt diese Erkenntnis?

Gasa Valga: Natürlich ist es auch bitter, weil man weiß, wie man früher getanzt hat. Mein Sprünge waren eindeutig höher. Heute tanze ich nur noch, wenn ich eine Choreografie vorzeige. Als ich 2009 Leiter der Tanzcompany wurde, war keine Zeit mehr für tägliches Training.

Sie wurden als Achtjähriger ins Ballett gesteckt, weil Sie ein quengeliges Kind waren. Gab es unangenehme Erlebnisse mit Tanzlehrern, wie sie jüngst an der Ballettschule der Wiener Staatsoper publik wurden?

Gasa Valga: Ja, die gab es schon. Eine Lehrerin, sie lebt heute nicht mehr, hat mir die Ballettschuhe nachgeworfen, wenn ich einen bestimmten Sprung, eine doppelte Drehung in der Luft, nicht sauber auf einem Bein landete. Ich musste ihr die Schuhe dann auch wieder bringen. Später, als ich für ein Stipendium in Kuba vortanzte, bewunderte jeder meine Sprungtechnik. Ich beherrsche diese doppelte Drehung immer noch mühelos. Ohne die Strenge dieser Lehrerin wäre ich heute wohl ein Niemand.

Heißt das, dass ohne eine gewisse Härte beim Ballett nichts herausschaut?

Gasa Valga: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Eine gewisse Strenge und Disziplin sind sicher nötig. Eine meiner Tänzerinnen wurde in der Ballettschule der Staatsoper ausgebildet. Sie hat dort nichts Auffälliges erlebt.

Unter Ihrer Führung wurde Tanztheater in Innsbruck trendy. Die Vorführungen sind regelmäßig voll. Wachsen damit auch Druck und Erwartungshaltung?

Gasa Valga: Natürlich. Erfolgreich zu sein, ist das eine, erfolgreich zu bleiben, das andere. Man darf sich vom Kurs nicht abbringen lassen. Meine Choreografien entstehen intuitiv, zuerst kommt die Musik, dann folgt der Tanz.

Stimmt es, dass Sie anfänglich aufgrund sprachlicher Probleme zuerst in der spanischsprachigen Welt nach Material Ausschau hielten?

Gasa Valga: Meine erste Produktion war „Olé! Es lebe das Leben!“ Als zweites Stück wünschte sich die damalige Intendantin Brigitte Fassbaender den österreichischen Dichter Georg Trakl. Das war eine ziemliche Herausforderung für mich, denn es gab kaum Übersetzungen. Da habe ich ordentlich geschwitzt. Als Nächstes wählte ich mit Frida Kahlo eine spanischsprachige Figur, ich hatte das Gefühl, dass ich mir Erholung verdient hatte. Deutsch ist halt schwer. Meine Frau Sonja, eine Innsbruckerin, hat es inzwischen aufgegeben, mich zu korrigieren.

Ist aus Ihrer Anfangszeit noch jemand dabei?

Gasa Valga: Marie Stockhausen tanzt nicht mehr, ist aber als Choreografin weiter im Team. Und natürlich Martine Reyn, sie ist Ballettmeisterin seit 2009. Die Tänzer Gabriel Marseglia und Lara Brandi sind seit sieben Jahren dabei. Personalwechsel ist nichts Ungewöhnliches. Viele meiner Tänzerinnen und Tänzer werden von größeren Häusern abgeworben. Balkiya Zhanburchinova und Yulian Botnarenko, die zusammen ein Kind haben, werden uns verlassen. 1500 Bewerbungen haben wir für kommende Saison erhalten. 350 Tänzer wurden zum Vortanzen eingeladen, vier davon genommen.

Der Andrang ist groß, obwohl die Bezahlung bescheiden ist.

Gasa Valga: Das Gehalt eines Tänzers liegt bei knapp über 2000 Euro brutto im Monat. Das ist wirklich nicht viel, auch wenn es während meiner Zeit hier in Innsbruck etwas besser geworden ist. Wir versuchen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Tänzer wohlfühlen. Die Bezahlung ist in diesem Beruf aber auf der ganzen Welt ähnlich problematisch. Ein professioneller Tänzer muss sich nach 20 Jahren einen anderen Job suchen, er ist zu alt für die Bühne. Ein Profi-Fußballer hat hingegen ausgesorgt.

Wie ist bei Ihnen persönlich die vertragliche Lage?

Gasa Valga: Mein Vertrag läuft immer nur für ein Jahr. Ich wurde gerade für ein Jahr wiederbestellt. Natürlich wäre es angenehmer, einmal einen Vertrag für vier oder fünf Jahre zu bekommen.

Das klingt nicht nach Abwanderungsgelüsten.

Gasa Valga: Ich fühle mich wohl und möchte, wenn die Voraussetzungen passen, in Innsbruck bleiben. Das Publikum ist fachkundig, offen für Neues, und wir erfreuen uns großer Wertschätzung. Warum sollte ich gehen?

Sind Sie mit der budgetären Situation innerhalb des Landestheaters zufrieden?

Gasa Valga: Ein größeres Budget zu fordern, gehört zu meinem Job. Ich hätte gerne mehr Tänzer. Derzeit sind es 18, einer davon wird vom Circle des Tiroler Landestheaters, einem Kreis von Privatpersonen und Unternehmen, bezahlt, wofür ich sehr dankbar bin. Dass ich einspringen muss, zeigt ja, dass wir nicht überbesetzt sind.

Was sagen Intendant Johannes Reitmeier und Direktor Markus Lutz, Ihre Vorgesetzten, dazu?

Gasa Valga: Beide bemühen sich sehr. Ich weiß, dass sie unsere Arbeit schätzen. Mir ist bewusst, dass sie das Haus als Ganzes betrachten und die gesamten Finanzen im Blick haben müssen. Stars wie Jirí Kylián oder Nacho Duato gastieren mit ihren Produktionen in Innsbruck. Das bestätigt unsere gute Arbeit.

Sie haben auch privat Wurzeln in Tirol geschlagen.

Gasa Valga: Ich bin hier verheiratet, meine Frau und ich möchten auch einmal Kinder. Meine Mutter in Katalonien ist 70 und wartet schon sehnsüchtig auf Enkel. Einen gewissen Druck gibt es also auch hier. (lacht)

Der Innsbrucker Tanzsommer ist Geschichte. Sind Sie damit Konkurrenz los, oder würden Sie sich eine ähnliche Veranstaltung wieder wünschen?

Gasa Valga: Ich würde mir wünschen, dass es im Sommer in Innsbruck wieder ein Tanzangebot gibt. Nur sollte dieses mit dem Landestheater abgestimmt sein. In der Vergangenheit gab es Tanz parallel im Congress und im Theater. Das war zu viel.

Das Gespräch führte Markus Schramek