Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 29.06.2019


Bühne

Meerjungfrauen mit Subversionspotenzial

Mit dem Theaterstück „Mermaids“ zieht tON/NOt ins Palmenhaus im Hofgarten und sucht dort nach Alternativen zur Normalität.

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© MM



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Wer spontan an märchenhafte Varianten der Meerjungfrauenfigur denkt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit an Disneys „Arielle“ denken. Vielleicht an „Splash – Eine Jungfrau am Haken“. An weniger niedliche Gestalten, etwa die Sirenen aus Homers Odyssee, oder gefahrbringende Nixen.

Ob sie nun lieb oder fies agieren, der Sagenwelt oder der Traumfabrik entstammen, eines haben sie alle gemeinsam: Charaktermäßig kommen die Wasserwesen recht eindimensional daher. „Solche Figuren könnte man ja auch subversiv lesen“, dachte Martin Fritz. Also schrieb er das Stück „Mermaids“, das nun in Kooperation mit dem Verein tON/NOt ab 2. Juli in Innsbruck zu sehen ist.

Das fantastische Thema sollte keineswegs eskapistisch verstanden werden. Die Charaktere beleuchten gesellschaftliche Phänomene, die sie mit präzisen Aussagen kritisieren. Zu hinterfragen gibt es in der mitunter misogynen Märchenwelt schließlich einiges, etwa die typischen Prinzessinnenklischees für weibliche Figuren, die immerzu von feschen Prinzen gerettet werden müssen – warum werden die Armen nicht selbst aktiv? Könnte es zur Abwechslung nicht andersherum sein?

Allen Protestgedanken zum Trotz bleibt der Ton in „Mermaids“ stets sanft und humorvoll – eine Herangehensweise, die der Autor auch mit Regisseurin Anna Heiss teilt. „Diese Geschichten können aus feministischer Perspektive noch so haarsträubend wirken, ästhetisch und formal machen sie nach wie vor Spaß“, bricht sie eine Lanze für die thematische Grundlage des Stückes. Vielleicht sollen Märchenklischees vor allem deshalb kritisiert werden, weil man sie mag.

Die gebürtige Südtirolerin leitet das Brixner Theater Dekadenz, das einen beliebten Mix aus zeitgenössischen Eigenproduktionen, Kabarett und Kleinkunst kredenzt. Heiss hat dort einen „sanften Wandel“ eingeleitet, mit stärkerem Fokus auf bislang unterrepräsentierte Stimmen.

Die Zusammenarbeit mit Poetry-Slammer und Autor Martin Fritz ergab sich, als die 31-Jährige mit ihrem Ensemble VonPiderZuHeiss und dem Stück „Salvation“ im Innsbrucker BRUX zu Gast war. „Bei den Themen und Motiven oder Umgang mit popkulturellen Zitaten sind wir auf einer Wellenlänge“, sagt Heiss. Nach „Born to Kill“ ist „Mermaids“ nun ihre zweite Kooperation in Innsbruck. In ihrer Regiearbeit setzt sie auf körperliches Engagement in der Performance und auf „untheaterhafte“ Elemente, die klassisches Bühnen-Setting auflösen.

Für „Mermaids“ musste auch ein passender Ort her. Fündig wurde man mit Hilfe der Bundesgärten: Bespielt wird das Palmenhaus im Innsbrucker Hofgarten.

„Das ist kein herkömmlicher Theaterraum, den wir mit gebotener Vorsicht einzunehmen versuchen“, freut sich die Regisseurin. „Es ist ein Raum, der uns körperlich einiges abverlangt, das Erlebnis wird dadurch aber intensiver“, verrät Fritz.

Die Premiere am 2. Juli ist schon ausverkauft. Karten für die weiteren Vorstellungen vom 3. bis 14. Juli gibt es unter ton.not@gmx.at. Die Plätze sind begrenzt.