Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.06.2019


Bühne

“Bürger Schippel“: Die ach so heile Welt der Spießer

Sprachlich anspruchsvoll, dennoch locker und witzig: Premiere von „Bürger Schippel“ bei den Haller Gassenspielen.

Thekla (Christina Matuella) und der Fürst (Marcus Freiler) werden sich körperlich bald schon maximal annähern. Im Hintergrund zeigt das männliche Gesangsquartett Profil.

© Weber-StrickerThekla (Christina Matuella) und der Fürst (Marcus Freiler) werden sich körperlich bald schon maximal annähern. Im Hintergrund zeigt das männliche Gesangsquartett Profil.



Von Markus Schramek

Hall – Sommerliche Komödie, das kann ins Auge gehen. Denn nichts ist schwieriger als die Antwort auf die Frage, was Menschen zum Lachen bringt. Doch den Haller Gassenspielen darf man nach der Premiere am Freitagabend, open air im Innenhof der Burg Has­egg, ein dickes Lob aussprechen. Das aktuelle Stück „Bürger Schippel“ ist bisweilen leicht, aber nicht seicht. Die Darsteller strotzen vor Spiel- und Gesangesfreude – wer fragt da noch, ob es Laien sind oder Profis? Und es wird gehörig gelacht, ohne dass auf der Bühne die Keule tiefen Humors geschwungen wird.

Sprachlich ist die Textvorlage des deutschen Dramatikers Carl Sternheim eine Herausforderung: 100 Jahre alt und entsprechend antiquiert. Da wird „molestiert“, wo sonst belästigt wird. Und das äußere Erscheinungsbild ist von einer gewissen „Apparenz“. Man muss als Zuseher also ordentlich die Ohren spitzen. Berieseln lassen gilt nicht!

Rasch wird man erkennen, dass sich die Scheinheiligkeit der Gesellschaft seit den Tagen Sternheims kaum verändert hat. Standesdünkel, Hochnäsigkeit und Snob-Gehabe sterben als verzichtbare Charakterzüge nicht aus.

Paul Schippel (gespielt von Peter Holzer, der auch akrobatische Turn- einlagen liefert) ist ein Prolet und noch dazu ein Bastard ungeklärter Herkunft. Singen kann er aber glockenhell.

Und so schluckt ein Spießbürger-Trio in Not die Krot. Goldschmied Hicketier (Wolfgang Klingler), der Beamte Krey (Wolfgang Viertl) und Druckereibesitzer Wolke (Maximilian Kindler) engagieren Schippel als Ersatz für den verstorbenen vierten Sänger ihres Quartetts. Naserümpfend blicken sie auf den Prolo herab. Der empfindet zwar tiefe Abscheu für die „feisten Spießer“, zeigt aber doch ein Verlangen nach dem süßen Leben in Wohlstand.

Als Femme fatale tritt Thekla, Hicketiers Schwester, in Erscheinung. Bald jedes Mannsbild wird mit der blond gelockten Versuchung in Verbindung gebracht. Mit dem Fürsten (Marcus Freiler) hat sie ein gar lautstarkes Gspusi – von Schippel und Hicketier, peinlichst berührt, live mitangehört. Christina Matuella sorgt als Thekla für Lachsalven. Sie genießt jeden Moment auf der Bühne und legt spontan eine Pause mit Blick nach oben ein, als lärmend ein Flugzeug den Abendhimmel überquert.

Meisterhaft werden aufkommende Turbulenzen im Leben einer ach so feinen Gesellschaft durch den Bühnenbau verstärkt. Martin Posch hat sich eine tolle Konstruktion einfallen lassen. Das Bühnenrund ähnelt einem überdimensionalen Blasbalg, der von Hand gekippt werden kann. Diesen Untergrund bringen die Akteure nach Herzenslust (bzw. wohl nach Anweisung von Regisseur und Livemusiker Alexander Sackl) ins Wanken.

Mehr wird jetzt aber wirklich nicht verraten. Am besten selber hingehen.