Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.07.2019


Festspiele Erl

“Caliban“: Zwischen Macht und Unschuld

Ein junges deutsches Ensemble gastiert mit Moritz Eggerts Kammeroper „Caliban“ bei den Tiroler Festspielen Erl.

Im Sand der Insel treffen die Härte Prosperos und die Naturgebundenheit Calibans aufeinander.

© TTIm Sand der Insel treffen die Härte Prosperos und die Naturgebundenheit Calibans aufeinander.



Von Ursula Strohal

Erl – Prospero und Caliban, der weise, des Zaubers kundige Herrscher und der Naturmensch, haben vierhundert Jahre lang ihre bühnenmächtige Deutungsvielfalt bewahrt, durch Shakespeares Worte in „Der Sturm“ und dann in zahllosen Zugriffen.

Für das niederländische Asko|Schönberg-Ensemble verfassten Peter te Nuyl und der Komponist Moritz Eggert mit „Caliban“ ein Destillat des Stückes, uraufgeführt 2017 in Amsterdam, aufgegriffen von der Jungen Oper Rhein-Main, die mit ihrer Produktion nun bei den Tiroler Festspielen Erl gastierte. Eine Fabel über die Mechanismen der Macht und Konsequenzen des Fremdseins, bevor bis Ende Juli Details daraus und der andere Blick erprobt werden.

In „Caliban“, der Kammeroper für drei Sänger, einen Sprecher und elf Instrumentalisten, haben Librettist und Regisseur Max Koch Herrn Prospero das Zaubern ausgetrieben. Mehr noch, auch die Poesie, die dem Ursprünglichen, Unverfälschten, dem Wesen der Natur innewohnt. So bleibt dem auf der Insel gestrandeten Herzog, dem kritisch aufgeklärten, politisch und technisch versierten modernen Menschen, auch das Singen versagt. Josia Jacobi spricht ihn – englisch – hart und unversöhnlich. Tochter Miranda (Katharina Nieß), stimmlich leicht nervös, weiß nichts von der Welt, aber wie Madame sich kleidet. Wendet sich mangels Alternativen Caliban zu, wechselt aber rasch zum gestrandeten schönen Ferdinand (Thomas Dorn). Mit ihm landet Trinculo, das komische Element, auf der Insel (Manuela Strack). Da ist Caliban (Michael Long) endgültig gezwungen, die bösen gesellschaftlichen Spielchen zu lernen – und bleibt mangels Degeneration unterworfen. Ein riesiger im Sand gelandeter Lüster zeigt Prosperos gestürzten Feudalismus, aber zuletzt hängt er wieder, wenn auch mit erlöschenden Lichtern, und es wird auf Calibans Rücken Schach gespielt (Bühne: Theresa Steinert, Kostüme Sophie Simon).

Vokal überfordert Moritz Eggert niemanden, instrumental kommt er mit einem elfköpfigen Ensemble aus, setzt auf Stilmix, Farben (Kontrabassflöte, Bassklarinette), auf Keyboard, das zwischen die Töne fährt, und einen Percussionisten, der alles allein und vieles zugleich bedient. Dirigent David Holzinger weiß, wie Wiederholungen die Intensität steigern und Streichersoli das Gemüt streicheln.