Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.07.2019


Bühne

Dem Grauen eine Gestalt gegeben

Patrick Hahn und die Camerata Salzburg wühlten bei der Soirée in Erl mit Béla Bartóks Divertimento auf.

Der junge Dirigent Patrick Hahn und die Camerata Salzburg begeisterten im Festspielhaus.

© Peter KitzbichlerDer junge Dirigent Patrick Hahn und die Camerata Salzburg begeisterten im Festspielhaus.



Von Wolfgang Otter

Erl – Die Nationalsozialisten marschierten schon lange und das Volk rief begeistert „Heil“. Wer genauer hinhörte, konnte bereits das Heraufziehen eines fürchterlichen, vernichtenden Gewitters hören. Es war am Vorabend der großen Menschheitskatastrophe, als Béla Bartók sein Divertimento Sz. 113 für Streicher im August 1939 schrieb. Der Komponist hörte und spürte dieses Grauen auf Europa zukommen, sein Werk ist der Beweis. Das Volkstümliche, Tänzerische in Divertimento wird von jähem Aufbäumen zerrissen und im zweiten Satz erklingt immer deutlicher ein Trauermarsch – aufsteigend aus dem Nichts und sich darin wieder verlierend. So wie sich Europa im Zweiten Weltkrieg im Nichts verloren hat.

Patrick Hahn, Jahrgang 1995, ein hochtalentierter junger Kärntner Dirigent, hatte den Musikerinnen und Musikern der Camerata Salzburg bei der ersten Soirée der Erler Festspiele am Sonntagabend dieses einprägsame Werk auf die Notenpulte gelegt. Hahn konnte sich auf die hervorragenden Musiker der Camerata stützen. Da gelang alles, von der solistischen bis hin zur Ensembleleistung. Hahn dirigiert eigentlich nicht, er zeichnete den Musikern die Interpretation vor. Kleinste Gesten reichten aus – Ensemble und Dirigent verstanden sich bestens. Gemeinsam verdichteten sie die Musik, tänzerisch, aufwühlend und aufbegehrend – eine packende Interpretation, die Bartóks Divertimento zum zentralen Werk des Abends machte. Eingangs hatte Hahn die Coriolan-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven gestellt. Das dunkle c-Moll leitete praktisch die Stimmung bei Bartók ein.

Voll jugendlichen Ungestüms stürzte Hahn sich nach der Pause auf Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nummer 4 – die Italienische. Der Komponist war jünger als der Dirigent, als er nach Italien reiste und mit 21 Jahren Eindrücke für seine Sinfonie sammelte. Erst später in Berlin brachte er sie komplett zu Papier und schuf ein Werk, das im ersten Satz voller Lebenslust sprudelt, übermütig und voller jugendlicher Leichtigkeit dahinrinnt.

So dirigierte auch Hahn – mit aller Unbekümmertheit der Jugend. Nur die Leichtigkeit wollte dem Orchester nicht so recht gelingen. Hahn wählte auch im zweiten Satz ein strammes Tempo. Hier verliert Mendelssohn Bartholdy seine Unbekümmertheit, nordische Melancholie färbt die Melodie. Hahn huschte etwas oberflächlich darüber hinweg. Technisch bravourös von den Musikern umgesetzt das Presto im vierten Satz.

Dafür gab es begeisterten Applaus des Publikums. Patrick Hahn ist auf dem Weg nach oben und hätte sich, genauso wie die Camerata Salzburg, an diesem Abend ein volles Erler Festspielhaus verdient gehabt.