Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.07.2019


Bühne

Tanz mit den Fingern tief in den Wunden

Johann Kresnik ist Ehrengast des diesjährigen Impulstanz-Festivals: Porträt eines widerspenstigen Neuerers.

Dem „Enfant terrible“ von einst sitzt nach wie vor der Schalk im Nacken: Johann Kresnik wird im Dezember dieses Jahres 80 Jahre alt.

© imagoDem „Enfant terrible“ von einst sitzt nach wie vor der Schalk im Nacken: Johann Kresnik wird im Dezember dieses Jahres 80 Jahre alt.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Rudi Dutschke und Sylvia Plath, Ulrike Meinhof und Leni Riefenstahl, Hannelore Kohl und Francis Bacon sind nur einige der gefeierten, umstrittenen oder schlicht tragischen Persönlichkeiten, denen der gerne als „Bühnenberserker“ bezeichnete Johann Kresnik mit den Mitteln des von ihm entwickelten „choreografischen Theaters“ ganz, ganz nahe auf den Leib rückt.

Im Dezember feiert der 1939 im kärntnerischen Bleiburg/Pliberk geborene Künstler, dem nach wie vor der Schalk des einstigen „Enfant terrible“ der Tanzszene im Nacken sitzt, seinen achtzigsten Geburtstag. Grund genug für das Impulstanzfestival 2019, ihm und seiner großen Produktion „Macbeth“ die Eröffnung am morgigen Donnerstag zu widmen, Grund genug auch für die Stadt Wien, dem Jubilar in spe zuvor noch das Goldene Ehrenzeichen zu verleihen. Müsste man Kresniks Arbeiten mit nur drei Worten charakterisieren, so wären diese wohl „Macht“, „Gewalt“ und „(Herz-)Blut“. Darüber, inwiefern Kresniks traumatische Kindheitserfahrung, die Ermordung des als Kollaborateur verdächtigten Vaters durch slowenische Partisanen, oder die Ausbildung zum Werkzeugmacher in seiner Grazer Jugendzeit sein Schaffen bis heute prägen, mag spekuliert werden.

Als Statist bei den Vereinigten Bühnen Graz findet er zum Tanz, mit neunzehn verlässt der überzeugte Linke sein kritisch beäugtes Heimatland, um dem Wehrdienst zu entgehen, und avanciert in Köln sehr schnell zum Solotänzer.

Wie wurde aus dem klassischen Balletttänzer jener gefürchtete, angefeindete wie bejubelte Pionier eines neuen Tanztheater-Verständnisses? Im Gespräch mit der TT am Rand der Impulstanz-Programmpräsentation schilderte Kresnik sehr anschaulich sein „Coming out“ als politischer Künstler: „1967/68 gingen Studenten und Jugend auf die Straße, um sich von Eltern und Nazi-Vergangenheit zu befreien. Ich arbeitete, was sehr schön war, mit Balanchine in New York und dachte mir: ,Schwanensee ist Schwanensee, mehr wird das nicht!‘ Da fing ich an, mit politischen Inhalten zu arbeiten und dafür einen tänzerischen Ausdruck zu finden. Das ist das Grundprinzip meines Choreografischen Theaters.“ Von Beginn an setzt Kresnik auf Drastik als künstlerisches Mittel und besteht auf deren Notwendigkeit, um Themen wie Faschismus, Unfreiheit, Konsumwahn oder staatlicher wie privater Gewalt zu begegnen.

„Brutalität auf der Bühne ist keine ästhetische Form, es geht immer um den Inhalt!“, betont der Künstler, der mit seiner schockierenden Bildsprache nach wie vor aufrütteln will. „Es gab eine riesige Aufregung, als meine Compagnie in Heidelberg das erste Mal nackt aufgetreten ist, oder als die Tänzer das erste Mal, in Berlin, auf der Bühne gesprochen haben. Die Reaktionen waren massiv!“ Und freuten den streitbaren Choreografen, der sich gerne mit dem Publikum oder Journalisten auseinandersetzt. Was treibt ihn um, der als Vater einer bald Vierzehnjährigen mit dem Alltag heutiger Jugendlicher zwischen Social Media, Klimaprotest und Schulstress konfrontiert ist? Welche Projekte schweben dem höchst agilen Altmeister noch vor? Grauenvolle Phänomene wie Kannibalismus oder Selbstverstümmelung, die ihm im zeitgenössischen Medienwald unterkommen, beschäftigen ihn, da er darin nicht allein Zeichen psychischer Krankheit sieht, sondern sie vielmehr als Ausdruck unserer Gesellschaftsverfasstheit deutet.

Vor diesen etwaigen Vorhaben kann man sich jedoch mit der Neufassung des 1988 uraufgeführten „Macbeth“ von der bis heute erstaunlichen Strahlkraft des Kresnik’schen Werks überzeugen.