Letztes Update am Do, 11.07.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Im Theater ist Routine tödlich“: Jubilar Tobias Moretti im Interview

Tobias Moretti wird heute 60 Jahre alt. Nächste Woche geht er als Salzburger Jedermann in die dritte Runde. Ein Gespräch über neugemischte Karten, Textarbeit ohne Tabus und das Familientreffen am Domplatz.

Tobias Moretti.

© APA/GindlTobias Moretti.



Sie gehen in Ihr drittes Jahr als Salzburger Jedermann. Hat sich Ihr Blick auf die Rolle verändert?

Tobias Moretti: Die Interpretation des Stückes hat sich durch die intensive Beschäftigung verändert, verdichtet, konkretisiert. Von der Figur selbst geht nach wie vor dieser ganz besondere Zauber aus, durch den sie mich jedes Mal wieder neu interessiert.

Tobias Moretti in Shakespeares „Troilus und Cressida“, 1986 in den Münchner Kammerspielen.
Tobias Moretti in Shakespeares „Troilus und Cressida“, 1986 in den Münchner Kammerspielen.
- imago stock&people

Inzwischen liegt Ihre Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthals Original-„Jedermann“ als Buch vor.

Moretti: Ich wurde immer wieder gefragt, wo man den Text findet, den wir in Salzburg spielen. Mir war es wichtig zu zeigen, dass unsere Fassung eine Arbeitsfassung ist. Ein Versuch, den Urtext, der ja auch abgedruckt ist, zu interpretieren. Wenn man etwas auf die Bühne bringt, kann man sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen – und einfach deklamieren, was vorgegeben ist. Dann bleibt alles Gesagte und auch alles noch so brillant Gespielte bloße Behauptung. Es geht darum, das Gesagte im Licht der Gegenwart greif- und begreifbar zu machen.

Und dafür muss man in den Originaltext eingreifen?

Moretti: Sagen wir, man kann in den Originaltext eingreifen, der ist nicht tabu. Theater ist immer Interpretation. Man muss den Text interpretieren, um ihm gerecht zu werden. So wie man Goethe, Kleist oder Schiller immer neu interpretieren muss. Im Fall des „Jedermann“ war mir das wichtig. Aber nicht, weil der „Ur“-Text nicht hält, sondern weil es diese bald hundertjährige Aufführungstradition gibt. Dadurch hat sich eine bestimmte Erwartungshaltung eingeschliffen, die dem Kern des Stückes nicht immer gerecht wird.

„Eine Lieblingsrolle“: Mackie Messer in Brechts „Dreigroschenoper“, 2015 im Theater an der Wien.
„Eine Lieblingsrolle“: Mackie Messer in Brechts „Dreigroschenoper“, 2015 im Theater an der Wien.
- imago stock&people

Im Kern steht der fromme Gedanke, dass man sich durch rechtes Leben die Himmelfahrt verdienen kann.

Moretti: Eben nicht. Das Stück kreist um den Gedanken, dass man sich den Himmel nicht verdienen kann, sondern dass er einem geschenkt werden könnte, wenn die Erkenntnis echt ist.

Die Geschichte des aktuellen „Jedermann“ war turbulent: Aus einer Übernahme wurde 2017 kurzfristig eine Neuinszenierung durch Michael Sturminger, die im Vorjahr weiterentwickelt wurde.

Moretti: Ja, manches, das wir bereits im ersten Jahr andachten, hat sich erst im zweiten zusammengefügt. Im Vorjahr hat viel funktioniert, an dem wir heuer weiterarbeiten können.

Mit Meisterregisseur Carlos Saura drehte Moretti 2009 „Ich, Don Giovanni“.
Mit Meisterregisseur Carlos Saura drehte Moretti 2009 „Ich, Don Giovanni“.
- imago stock&people

Mit einem veränderten Ensemble, acht Rollen wurden umbesetzt.

Moretti: Die Karten wurden neu gemischt, das tut einem dramatischen Vorgang manchmal gut. Gerade im Theater ist Routine tödlich. Obwohl sich an der Statik der Inszenierung wenig ändern wird, zeichnet sich ab, dass die Dinge erneut in Bewegung sind. Oft sind es Kleinigkeiten, hier eine Verschiebung, dort ein verändertes Vorzeichen und schon wird aus etwas Bekanntem im besten Fall eine Provokation. Ich habe immer das Gefühl, dass auch ganz kleine Änderungen neuen Spielraum eröffnen. Das ist für Schauspieler ein Geschenk: Es gibt auch Produktionen, wo man die eigene Rolle zur funkelnden Miniatur ausfeilt – und an den Bedingungen der Inszenierung scheitert.

Bei aller Vorfreude auf die neue Buhle Valerie Tscheplanowa, der Ansatz von Stefanie Reinsperger war interessant: Nicht das „schlamperte Verhältnis“ von Jedermann und Buhle war der Skandal, sondern das Berechnende hinter ihrer Beziehung.

Für „Das finstere Tal“ bekam Moretti 2014 den Deutschen Filmpreis.
Für „Das finstere Tal“ bekam Moretti 2014 den Deutschen Filmpreis.

Moretti: Das stimmt. Aber auch da hätte man, finde ich, weiter gehen können, obwohl ich mit Steffi sehr gern gespielt habe. Auch Tscheplanowa setzt bei der Figur nicht beim Äußerlichen an, sondern sie interpretiert sie mit einer Spiellust, die einen eigenen Zugang zur Erwartung des Klischees hat, ohne Distanz zu diesem bekannten und nicht gerade fülligen Text und seiner klaren Zuordnung. Das finde ich spannend und mutig.

Haben Sie sich Ihren Bruder Gregor Bloéb als Gesell/Teufel gewünscht?

Moretti: Dass ausgerechnet mein Bruder sich als bester Freund und Teufel entpuppt, ist natürlich reizvoll (lacht). Aber über die Besetzung entscheiden Schauspielchefin Bettina Hering und Michael Sturminger. Es freut mich außerordentlich, dass Gregor heuer dabei ist. Wir standen zuletzt vor gefühlt hundert Jahren bei den Volksschauspielen in Telfs auf der Bühne, in Mitterers „Drachenblut“ (1986) spielte ich den rostigen Ritter und er den Schildknecht.

An der Seite von Gert Voss spielte Moretti 2009 in „Faust“ im Burgtheater.
An der Seite von Gert Voss spielte Moretti 2009 in „Faust“ im Burgtheater.
- imago stock&people

Der „Jedermann“ ist auch ein gesellschaftliches Event. Bereiten Sie sich darauf vor?

Moretti: Die Aufmerksamkeit ist groß. Jeder soll damit umgehen, wie er will: Philipp Hochmair hat im Vorjahr, als er für mich eingesprungen ist, das öffentliche Interesse genossen – und das hat mich sehr für ihn gefreut. Mir fehlt dafür etwas die Zeit. Wenn ich hier fertig bin, versuche ich, schnell heimzukommen. Trotzdem verstehe ich mich als Teil der Festspiele: Kunst ist ja per se heimatlos, aber im Sommer gibt es einen Ort, wo sich die Wege von Künstlern kreuzen – und das ist Salzburg. Es ist ein Geschenk, sich mit Peter Sellars oder Teodor Currentzis zu treffen, oder sich mit Intendant Markus Hinterhäuser austauschen zu können.

Bisweilen geht es in Salzburg trotzdem weniger ums Sehen als ums Gesehen-Werden.

Moretti: Unser Job ist es nicht, ein Gesellschaftsereignis zu sein. Das zentrale Ereignis ist das Stück, nicht der Almauftrieb drum herum. Außerdem verwahre ich mich davor, Menschen zu kategorisieren, weder die Unterprivilegierten noch die Privilegierten. Alle haben die Möglichkeit einer Erkenntnis. Auch wenn einem manche Erkenntnisse auf die Nerven gehen. Diese Form der Arroganz, dass ich jemanden belehren oder erziehen müsste, hatte ich als junger Schauspieler. Inzwischen empfinde ich sie als Ablenkung, als etwas, was die Perspektive der Kunst unnötig verengt. Nicht weil ich bequem geworden wäre, sondern weil ich die Möglichkeit von Erkenntnis heute eher als Chance, als Angebot sehe. Eine Tür, die ich nicht zuschlagen will, auch nicht vor mir selber.

Für „König Ottokars Glück und Ende“ 2006 den Gertrud-Eysoldt-Ring.
Für „König Ottokars Glück und Ende“ 2006 den Gertrud-Eysoldt-Ring.
- APA

Martin Kušej will als Direktor des Burgtheaters Türen aufreißen – und wird Sie ins Ensemble der Burg holen.

Moretti: Darin sehe ich zunächst ein Bekenntnis: Ich empfinde mich als Teil von etwas Gemeinsamem. Aber viel ändern wird sich dadurch nicht. Ich bin nicht in Wien daheim, sondern in Tirol. Und ich habe einen zweiten Beruf. Die Landwirtschaft ist ja kein Alibi, keine Inszenierung. Manchmal sind es 20, manchmal 30 und oft auch 40 Stunden, die in der Woche damit verplant sind. Und das muss erst einmal mit der Schauspielerei unter einen Hut gebracht werden. Oft ist es einfach, manchmal geht es grad und grad – und immer wieder schaut es so aus, als ginge es überhaupt nicht. Vor zwei Wochen haben wir das seltene Tiroler Glück von sieben Tagen Sonnenschein gehabt; wenn’s da immer geregnet hätte, könnte ich nicht so ruhig dasitzen jetzt. Ich will das alles nicht meiner Frau umhängen, die sowieso schon so viel macht und ja eigentlich selber Künstlerin ist. Dieses Lebenskonzept, das sich bei uns mit den Jahren entwickelt hat, stellt Bedingungen – und denen will ich mich fügen. Fürs Burgtheater heißt das, dass ich mich für bestimmte Projekte verpflichte und anderes, Filmdrehs zum Beispiel, dafür hintenanstelle. Aber es ist nicht so, dass ich immer verfügbar bin.

Sie feiern heute Ihren 60. Geburtstag.

Moretti: Zum Feiern fehlt die Zeit, wir proben.

Ein Geburtstag ist immer auch eine Einladung, zurückzuschauen.

Moretti: Während des Wellengangs zu reflektieren, das können nur Untergänger. Ich freue mich darüber, dass ich gesund bin. Die Erkrankung, die mich letztes Jahr außer Gefecht gesetzt hat, war ein Signal: Drei große, ineinander verzahnte Projekte – der Film „Gipsy Queen“, die Arbeit mit Luk Perceval an „Rosa oder Die barmherzige Erde“, „Die Deutschstunde“, danach gleich der „Jedermann“ –, aber auch Persönliches wie der Tod meiner Mutter haben Tribut gefordert. Man tut zumeist so, als hätte man das Ruder nicht selbst in der Hand. Das ist falsch: Man hat es in der Hand. Man muss es nur steuern.

Das heißt, künftig gehen Sie etwas runter vom Gas?

Moretti: Sie sehen ja, im Moment ist wieder genauso viel los wie voriges Jahr. Aber ich nähere mich neuen Aufgaben mit einer anderen Haltung, mit einem anderen Bewusstsein. Glaub’ ich wenigstens.

Gibt es Rollen, an die Sie gerne zurückdenken?

Moretti: Der Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ im Theater an der Wien war eine Herausforderung, auch und gerade, weil ich singen musste: ein Sprung ins kalte Wasser, schwimmen oder absaufen. Manchmal bin ich vielleicht ein bisschen abgesoffen, aber letztlich hat es funktioniert. Für die „Dreigroschenoper“ habe ich einen Film mit François Ozon abgesagt, schweren Herzens, aber mir war klar, wenn ich den Mackie mache, muss ich es richtig machen.

Von 1993 bis 1997 ermittelte er als Richie Moser im TV-Erfolg „Kommissar Rex“.
Von 1993 bis 1997 ermittelte er als Richie Moser im TV-Erfolg „Kommissar Rex“.

Gibt es Rollen, die Sie sich noch unbedingt aneignen wollen?

Moretti: Meistens sind die Rollen die interessantesten, die man sich gar nicht wünscht, sondern die, mit denen man eben nicht rechnet.

Das Gespräch führte Joachim Leitner