Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.07.2019


Festspiele Erl

Mélodie und Friends in Erl: Nicht gewandert, sondern gestürmt

Mélodie & Friends machten sich im Festspielhaus virtuos auf den Weg durch die Musikstile und Zeiten.

Die junge Ausnahmepianistin Mélodie Zhao und ihre Musikfreunde begeisterten mit Kompositionen oder Bearbeitungen aus der Feder der junge Schweizerin mit chinesischen Wurzeln.

© Peter KitzbichlerDie junge Ausnahmepianistin Mélodie Zhao und ihre Musikfreunde begeisterten mit Kompositionen oder Bearbeitungen aus der Feder der junge Schweizerin mit chinesischen Wurzeln.



Von Wolfgang Otter

Erl – Franz Schubert meinte, „dass der Teufel das Zeugs“ spielen solle, als er selbst pianistisch an seiner Wanderer-Fantasie scheiterte. Am Mittwochabend saß nicht der Teufel, aber eine „teuflisch“ gut spielende Pianistin auf der Bühne im Erler Festspielhaus. Die erst 26-jährige Ausnahmepianistin Mélodie Zhao hat sich das Gewaltwerk bei ihrem dritten Erl-Auftritt aufgelegt. Die in Form einer Sonate gehaltene Fantasie fußt auf einem Gedicht, das Schubert Jahre zuvor vertont hatte. „Ich komme vom Gebirge her, es dampft das Tal, es braust das Meer“, heißt es darin. Beherzt marschierte Zhao mit dem Kopfthema los, ohne zurückzublicken oder verträumt die Natur zu genießen, sie stürzte sich ins Tal und ließ es nicht nur brausen und brodeln. Das war ein Hurrikan mit meterhohen Wellen. Ihre technischen Fähigkeiten erlauben ihr, mit einem fast halsbrecherischen Tempo durch Schuberts musikalische Wanderung zu rasen, ohne die Struktur zu verlieren oder unklar zu werden. Doch was hätte wohl Schubert erst gesagt, wenn er das zweite Soloklavierstück des Abends gehört hätte. Zhao spielte ihre eigenen Variationen über ein Thema von Paganini. Mit feinstem Anschlag bis hin zum kraftvollen Hämmern erklangen da eine Tonlawine, atemberaubende Läufe und verträumte Phrasen. Die junge Schweizerin mit chinesischen Wurzeln holte aus dem Tasteninstrument alles heraus, sie spielt in der absoluten Pianisten-Oberliga.

Eingebettet waren die beiden Werke thematisch in eine Wanderung durch die (Musik-)Welt. Von China über die USA bis zurück nach Österreich und damit zu Anton Bruckner, Mélodie Zhaos Lieblingskomponisten, dessen Scherzo aus der 9. Sinfonie sie bearbeitete.

Federico Dalprà (Flöte), Sarah Young (Oboe), Pablo Barragán Fernández (Klarinette), Gordon Fantini (Fagott), Gustaf Uebachs (Trompete), Daniel Dubrovsky (Horn), Cristian Betancourt (Percussion), Iskandar Widjaja und Katarzyna Szydlowska (Violine), Cosimo Lippi (Viola), Zéphyrin Rey-Bellet (Chello) und Heidi Rahkonen (Kontrabass) begleiteten sie bei ihrer Reise. Allesamt ausgezeichnete Musikerinnen und Musiker, die in den meisten Bearbeitungen oder Kompositionen von Zhao zu hören waren. Darunter auch deren „Fantasmagories“. Am beeindruckendsten darunter ihre Fuga Perpetua, die am ausgereiftesten erschien.

Zugaben gab es für das begeisterte Publikum keine, da Mélodie & Friends schon fast drei Stunden gewandert waren.