Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.07.2019


Bühne

Über Film und Körperbefragung

Doris Uhlichs „TANK“ und „Rolling“ von Michael Laub: Impulstanz zeigt die Vielfalt zeitgenössischen Tanzes.

Von „A Chorus Line“ bis „Good Fellas“: der bekennende Filmfreak Michael Laub und sein Ensemble „Remote Control“ tanzen mit Witz und Verve durch die Filmgeschichte.

© Monika RittershausVon „A Chorus Line“ bis „Good Fellas“: der bekennende Filmfreak Michael Laub und sein Ensemble „Remote Control“ tanzen mit Witz und Verve durch die Filmgeschichte.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Im großen Saal des Odeon, einst Heim der Börse für landwirtschaftliche Produkte und seit den späten 1980er-Jahren Spielstätte des Serapionstheaters, stellt die vielfach ausgezeichnete österreichische Choreografin Dori­s Uhlich ihr aktuelles Projekt vor. Im Solo­stück „TANK“ präzisiert die Künstlerin ihre Körpererkundungen mit der Frage, inwieweit die gegenwärtige Forschung im Rahmen einer technologischen Optimierung des Menschen, Stichwort Human Enhancement, den Körper aus Fleisch und Blut in Zukunft unter totale Kontrolle bringen wird.

In einem Plexiglas-Zylinder wabert zu Beginn der bemerkenswerten einstündigen Performance weißer Nebel, bevor sich an der Scheibe eine Hand, ein Fuß ausmachen lässt. Als der Rauch verzieht, taucht Uhlichs nackter Körper auf und beginnt, begleitet von Boris Kopeinigs raffinierten Techno-Sounds, gegen die enge Reagenz-Welt aufzubegehren. Bilder von Francis Bacon oder Maria Lassnig kommen einem in den Sinn, wenn die Performerin sich an das Glas drückt, den Leib im Wortsinn behauptet. Und es wäre nicht Doris Uhlich, wäre ihre neue Arbeit nicht auch von allerhand Humor durchzogen, der subversiv ihre Botschaft „I want … to smell my body again!“, die Würde des immer irgendwie unzulänglichen Körpers, unterstreicht.

Völlig anders, jedoch nicht weniger animierend gerät der neueste Streich des Belgiers Michael Laub und seiner Truppe „Remote Control“. Sie entern, wie schon in der beim Impulstanz-Festival 2017 gefeierten Aufführung „Fassbinder, Faust and the Animists“ die Bühne des Akademietheaters mit einer originellen tänzerischen Hommage an die Magie des Films. In der Form eines „orchestrierten Deliriums“, wie der 1953 geborene Laub die Performance „Rolling“ charakterisiert, werden da mittels Gesten, unzähliger klitzekleiner Tanzzitate von klassischem Ballett, Stepptanz, Cha-Cha bis Disco und eingestreuter Sprech- wie Gesangsstrecken auf lustvollste Weise 200 Werke der Filmgeschichte zwischen Hollywood, europäischem Autorenfilm und asiatischem Kino zelebriert.

Dabei vergehen die 120 pausenlosen Minuten dieser Show wie im Flug, mit außerordentlich witzigen Zwischenstopps bei Viscontis Meisterwerk „Tod in Venedig“ inklusive Werbepause für einen Reiseveranstalter, bei Hitchcocks „Die Vögel“ und bei „Lassie“, „Bad Lieutenant“ oder „Black Swan“.

Das „Kameraauge“ fällt auf jedes Mitglied der brillanten zehnköpfigen Performer-Schar, auf Maxwell Cosmo Cramer, wenn er Laurence Olivier in „Hamlet“ nachstellt, auf die Bette Davis der Melissa Holley oder auf den aus Innsbruck stammenden Lukas Gander, dessen Interpretation der „La Boum“-Schnulze „Reality“ wunderbar auf das Zwerchfell drückt. Viel Applaus für zwei große Positionen!