Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.07.2019


Vorarlberg

„Don Quichotte“ in Bregenz: Eine Oper von eher trister Gestalt

Jules Massenets „Don Quichotte“ bei den Bregenzer Festspielen. Starke sängerische Leistungen, aber Schwächen bei der Inszenierung und im Dirigat.

Don Quichotte (Gábor Bretz) ist entflammt für Dulcinée (Anna Goryachova).

© APA/DIETMAR STIPLOVSEKDon Quichotte (Gábor Bretz) ist entflammt für Dulcinée (Anna Goryachova).



Von Jörn Florian Fuchs

Bregenz – Der Wahnsinn in Bregenz geht weiter! Nach dem überwältigenden „Rigoletto“ auf der Seebühne begegnet man einen Abend später einem weiteren Verrückten, diesmal im Festspielhaus. Verdis Hofnarren zu Mantua löst in Jules Massenets 1910 uraufgeführter Oper eine Zentralgestalt der Weltliteratur ab: Don Quichotte. In fünf Akten mit rund zwei Stunden Spieldauer zeigen Massenet und sein Librettist Henri Cain den berühmten Ritter als zutiefst gutmütigen Phantasten und großen Liebenden, seine Angebetete heißt hier Dulcinée und ist nicht bloße Fiktion wie bei Cervantes.

Dramaturgisch klappert das Stück ein bisschen und da passt es eigentlich recht gut, das Ganze als Stück-Werk zu zeigen, gleichsam fünf Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte der Figur und Handlung zu werfen.

Regisseurin Mariame Clément tut dies mit beträchtlichem Ausstattungsaufwand (Bühne und Kostüme: Julia Hansen). Erst gibt es Theater auf dem Theater, dann ein Badezimmer in einer (Irren-?)Anstalt, bei dem der kühlende Ventilator zum heißblütigen Feind – Stichwort Windmühl­e – mutiert. Später geht es in ein Großraumbüro mit in die Jahre gekommenen Möbeln und biederem Personal, dann wieder tritt der Titelheld als Spiderman auf und überzeugt einige wilde Verbrecher (die nebenbei ganz gut rappen können) davon, ihn zu verschonen und ihm sogar eine Kette auszuhändigen, die Dulcinée gehört.

Gábor Bretz singt und spielt den vielfältig verwirrten Ritter toll, sein Adlatus Sancho Pansa wird von David Stout mit Witz und Verve verkörpert, Anna Goryachova ist ein­e fein timbrierte, zwischen Hohn und Mitleid schwankende Dulcinée.

Mariame Cléments Konzept eines assoziativen Durchmarschs durch die Oper hat durchaus Charme, und da es am Ende wieder Theater auf Theater gibt, bevor Quichotte dann „real“ stirbt, ergibt sich ein roter Faden.

Allein, die Sache hängt doch arg durch. Einerseits, weil Clément zu viel zusammenpackt (die sehr modische Kritik an toxischer Männlichkeit eingeschlossen, dazu sieht man anfangs auch noch einen einschlägigen Werbespot für Rasierklingen), andererseits, weil es zwischen den Szenen überlange Umbaupausen gibt.

Hinzu kommt eine, vorsichtig formuliert, grenzwertige Leistung des Dirigenten Daniel Cohen am Pult der Wiener Symphoniker. Klar, Massenets „Don Quichotte“ ist ein vorwiegend lyrisches, oft sehr leises Stück. Aber Cohen dimmt alles derart und (ver)schleppt die Tempi auf solch sedierende Weise, dass man zunehmend gelähmt im Festspielhaussessel sitzt und nur noch ein Ende ersehnt. Schade!