Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.07.2019


Kellertheater

„Anderthalb Stunden zu spät“: Eine Komödie, der man nicht entkommt

Das Stück „Anderthalb Stunden zu spät“ wird aktuell im Innsbrucker Kellertheater gespielt. Es gibt jedenfalls keinen Aufbruch ohne Ausbruch.

Im Leben schon zu spät dran? Ungemein unterhaltsam verhandeln Laurence (Bernadette Heidegger) und Pierre (Hans Danner) das Älterwerden.

© Innsbrucker KellertheaterIm Leben schon zu spät dran? Ungemein unterhaltsam verhandeln Laurence (Bernadette Heidegger) und Pierre (Hans Danner) das Älterwerden.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es ist einer jener Übergangsorte, in denen man sich – sofern man über eine dementsprechend großzügige Wohnfläche verfügt – nicht lange aufhalten muss und es auch nicht möchte. Dieser Übergangsort mit Haustür, karg eingerichtet mit Garderobe und kleiner Sitzmöglichkeit. Damit eng verbunden ist jener Zeitpunkt, der im Idealfall nicht lange dauern muss oder soll: der Aufbruch. Für Laurence und Pierre aus dem Stück „Anderthalb Stunden zu spät“ werden aber genau dieser Ort und dieser Zeitpunkt zum Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit – wie stecken geblieben in Raum und Zeit.

Warum? Weil sie ein Paar sind, das sich in verschiedene Richtungen bewegt – um am Ende wieder zusammenzukommen. Und das ist weit weniger dramatisch, als es zuerst den Anschein hat. Die Komödie von Gérald Sibleyras und Jean Dell steht derzeit auf dem Programm des Innsbrucker Kellertheaters; in den Hauptrollen: Bernadette Heidegger und Hans Danner.

Und deren Figuren wollen nicht nur aufbrechen, sondern auch ausbrechen: Laurence, 53, ist unzufrieden mit ihrer Situation als frischgebackene Oma – ohne finanziellen Druck aber zugleich auch ohne wirkliche Aufgabe, seit ihr jüngster Sohn ausgezogen ist. Ganz anders geht es da Pierre, der sich auf den wohlverdienten Ruhestand freut – besonders deshalb, weil ihm der treue Geschäftspartner seine Anteile an der gemeinsamen Kanzlei weit über dem Freundschaftspreis abkaufen will und ihm damit den unbeschwerten Zugang zu einem sorgenfreien letzten Lebensabschnitt verschafft.

Beschlossen werden soll dieser Deal übrigens bei ebenjenem Abendessen, zu dem das Paar über ein ganzes Stück hinweg aufbrechen will. Was ihm aber durchgehend nicht gelingt: Zuerst fehlt die Lust, dann versperren gar die unerfüllten Lebensträume von Laurence die alles erlösende Ausgangstüre. Aus der Angst, an einem Abend zu spät zu kommen, wird die Angst, im Leben bereits zu spät dran zu sein – eine Angst, die bald auch Pierre beschleicht.

Aus dem Hin und Her, dem Nicht-Aufbrechen wie dem Nicht-Ausbrechen entspinnt sich ein dichtes sowie lustiges Kammerspiel, in dem Heid­egger und Danner sowohl als einzelne Persönlichkeiten als auch in ihrer Zweisamkeit überzeugen. Die Entwicklung der Figuren und die zynischen Spitzen im Dialogfeuerwerk des Paares ziehen das Publikum in den Strudel hinein. Ein Entkommen gibt es da nicht – genau was eine sommerliche Komödie braucht.

Bei genauerem Hinsehen bleibt es aber nicht beim Schmunzeln, schließlich verhandelt das Paar im Gespräch die großen Lebensfragen ums Altern, Liebe und Moral. „Anderthalb Stunden zu spät“ wird damit quasi zur Light-Version des preisgekrönten Stücks „Gott des Gemetzels“, von Yasmina Reza, das Roman Polanski 2011 mit Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und John C. Reilly in den Hauptrollen auf die Kinoleinwand brachte.

Genau wie im Film schaffen es auch Pierre und Laurence nicht, auszubrechen, dem Raum zu entkommen. Die Zweifel sind auch am Ende noch da. Aber wie es Paare so oft machen – immerhin gesprochen hat man mal.