Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.07.2019


Bühne

Zum Telfer Glück fehlt nur noch dauerhaft gutes Wetter

Mitterers „Verkaufte Heimat“ wird heute in der Südtiroler Siedlung uraufgeführt.

Bühnenbildner Karl-Heinz Steck hat drei abrissreife Wohnhäuser zur Freilichtbühne umfunktioniert.

© Thomas Boehm / TTBühnenbildner Karl-Heinz Steck hat drei abrissreife Wohnhäuser zur Freilichtbühne umfunktioniert.



Von Markus Schramek

Telfs – Karl-Heinz Steck wird meist „Charly“ gerufen. In der Südtiroler Siedlung in Telfs ist sein Name in diesen Tagen oft zu hören. Denn in der Oberländer Großgemeinde ist heute der Tag der Wahrheit. Als einziges und somit unumstrittenes Hauptstück der Tiroler Volksschauspiele wird Felix Mitterers „Verkaufte Heimat – Das Gedächtnis der Häuser“ uraufgeführt. Steck ist hinter den Kulissen eine maßgebliche Figur. Er hat drei Gebäude der Südtiroler Siedlung zur Freilichtbühne umgestaltet.

In und vor den Bauten, die nach der sommerlichen Schonzeit abgerissen und durch neue ersetzt werden, geht Mitterers Stück in Szene. Es ist die Adaption seines TV-Zweiteilers von 1989. „Verkaufte Heimat“ ruft das Schicksal der Südtiroler Optanten in Erinnerung. Diese mussten im Zuge des Pakts zwischen Hitler und Mussolini ab 1939 entweder nach Nazideutschland (bzw. in das angeschlossene Österreich) auswandern oder sich daheim der Italianisierung fügen. Die Auswanderer fanden in Südtiroler Siedlungen wie in Telfs ein neues Zuhause. Willkommen waren sie nicht. In Telfs wurden die neuen Bauten neidvoll „Warmwassersiedlung“ genannt. Viele Einheimische mussten damals auf den „Luxus“ temperierten Wassers verzichten.

Charly Steck ist freischaffender Bühnenbildner und den Volksschauspielen schon seit den 80er-Jahren verbunden. Nach außen wirkt der 56-Jährige stoisch. Dabei hat er intensive Wochen hinter sich. „Es ist mit Abstand das größte Projekt, das wir in Telfs je auf die Bühne gebracht haben“, resümiert Steck, ohne gestresst zu wirken.

Steck stammt aus Rum, er lebt aber in Norddeutschland. Er hat Bildhauerei in Mailand studiert und begleitend die Ausbildung zum Bühnenbildner absolviert.

Die Fassade jener drei Häuser, die bespielt werden, wurde an mehreren Stellen geöffnet, um Einblicke ins Leben der dargestellten Familien direkt zu ermöglichen. Die 50 Schauspielerinnen und Schauspieler sind mit Mikrofonen ausgestattet. Wind und Wetter sollen die Verständlichkeit nicht beeinträchtigen. Das Publikum sitzt gegenüber auf einer überdachten Tribüne.

Kabel in einer Gesamtlänge von drei Kilometern wurden verlegt, damit der Abrissbau technisch zur Theaterbühne taugt. Zwischenwände wurden durchbrochen, damit die Akteure, je nach Szene, rasch von einem Zimmer ins nächste wechseln können. Statiker haben dem Gebäude die Unbedenklichkeit attestiert. Die verwendeten Requisiten sind zum Teil ebenfalls Originale aus den abbruchreifen Häusern.

Immer wieder erhielt Steck Besuch von Schaulustigen, die sich den Bühnenbau aus nächster Nähe ansehen wollten, oft schon frühmorgens. „Dabei wurden die unglaublichsten Storys erzählt“, muss Steck schmunzeln. Die geschichtsträchtigen Häuser, die bald selbst Geschichte sind, liefern Stoff für manche Anekdote.

26-mal wird das Großprojekt unter der Regie von Klaus Rohrmoser bis zum 31. August zu sehen sein. Wetterglück wäre kein Nachteil, denn der gesamte Aufwand bringt die Volksschauspiele personell und finanziell an den Rand des Machbaren. Der Vorverkauf läuft aber gut. Auch aus Südtirol haben sich Gäste angesagt, busweise.

Bei der Uraufführung heute wird Südtirols LH Arno Kompatscher in Telfs sein, ebenso Tirols LH Günther Platter. Der kommt direkt aus Berlin, wo es um ein Polit-Thema unserer Zeit geht: den Transit.