Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Bühne

Volksschauspiele Telfs: Ein filmreifes Großraumtheater

Felix Mitterers „Verkaufte Heimat“ wurde bei der Uraufführung in Telfs stürmisch gefeiert. Das Stück beleuchtet ein dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte und stemmt sich gegen das Vergessen.

Drei abbruchreife Häuser in der Telfer Südtiroler Siedlung wurden für „Verkaufte Heimat“ zum Freilichttheater umfunktioniert.

© Bernd SchranzDrei abbruchreife Häuser in der Telfer Südtiroler Siedlung wurden für „Verkaufte Heimat“ zum Freilichttheater umfunktioniert.



Von Markus Schramek

Telfs – Verbale Verrenkungen und bemühtes Besserwissertum sind an dieser Stelle verzichtbar. Nach der heftig gefeierten Uraufführung vom Donnerstag ist eine Empfehlung angebracht, frei nach Edel-Unterhalter Karl Farkas: „Schau’n Sie sich das an!“

Eine Keilerei mit schlimmen Folgen. Am Ende ist der Bub Erwin (Jakob Thaler) tot. Die Kluft zwischen Südtirolern und Italienern wächst.
Eine Keilerei mit schlimmen Folgen. Am Ende ist der Bub Erwin (Jakob Thaler) tot. Die Kluft zwischen Südtirolern und Italienern wächst.
- Bernd Schranz

Im 38. Jahr ihres Bestehens ist den Tiroler Volksschauspielen in Telfs Großes gelungen. Felix Mitterer hat für „Verkaufte Heimat – Das Gedächtnis der Häuser“ ein TV-Drehbuch für das Theater adaptiert. Er beleuchtet ein düsteres Kapitel der Geschichte Tirols in Nord und Süd: Die „Option“ des Jahres 1939, die Frage also, ob die Südtiroler „heim ins Reich“ nach Nazideutschland (mit dem einverleibten Österreich) auswandern oder sich daheim der Italianisierung beugen sollten. Die Tyrannen Hitler und Mussolini hatten diesen Pakt geschlossen.

Die „Option“ gerät 80 Jahre später in Vergessenheit. Vertreibung und Heimatsuche sind in Zeiten, in denen eine rigorose Flüchtlingspolitik Wahlen gewinnt, aber unverändert brennende Themen. Schon deshalb ist „Verkaufte Heimat“ ein Pflichtstück. Eile ist geboten. Die restlichen Vorstellungen, immerhin zwei Dutzend an der Zahl, sind zu 85 Prozent ausverkauft (Info: www.volksschauspiele.at).

Die Bühne (nach Ideen von Regisseur Klaus Rohrmoser und Bühnenbildner Karl-Heinz Steck) erweist sich als der erhoffte Glücksgriff. Drei dem Abriss geweihte ehemalige Optanten-Häuser in der Telfer Südtiroler Siedlung wurden zum Spielort in XXL.

Der Luxus eines ungewöhnlichen Spielorts. Sogar historische Autos haben im Mitterer-Stück ihren Auftritt, Abgasgestank inklusive.
Der Luxus eines ungewöhnlichen Spielorts. Sogar historische Autos haben im Mitterer-Stück ihren Auftritt, Abgasgestank inklusive.
- bernd schranz

Riesige Guckkästen in der Fassade zeigen das Ensemble bei der Arbeit. Das Tempo ist hoch, fast wie im Film. Szenenwechsel erfolgen rasch, indem jenes Zimmer beleuchtet wird, das an der Reihe ist.

Die Besucher sitzen auf einer Tribüne unter Dach – als Schutz gegen nasse Grüße von oben, die am ersten Abend trotz Donnergrollens erfreulicherweise ausbleiben.

Anhand von drei Bauernfamilien, den Tschurtschenthalers, Oberhollenzers und Rabensteiners, wird die Zerrissenheit Südtirols in jener Zeit geschildert. Gehen oder bleiben? Wer ging, galt als Vaterlandsverräter, wer blieb als ein Freund der „Walschen“.

Im Gewusel von 50 Darstellern kann der Überblick schon einmal verloren gehen. Doch die Dramatik der Ereignisse lässt keine Zeit für den Blick ins Programmheft. Erwin, ein Sohn der Oberhollenzers, wird in einem Handgemenge erschossen. Carabiniere Ettore, ein Italiener, entflammt in Liebe zu Bauerntochter Anna – und wird von deren Brüdern regelrecht verdroschen. Gekämpft und geflucht wird viel und in zwei Sprachen.

Das Stück ist ein großartiges Gemeinschaftsprojekt. Detailverliebt sind die Kostüme (Esther Frommann) und Requisiten, bis hin zu Oldtimer-Fahrzeugen, die über den Vorplatz rattern und eine Abgasfahne hinterlassen.

Schauspieler mit viel Bühnenerfahrung tun sich klarerweise leichter. So etwa Stefan Riedl und Lisa Hörtnagl (als Ehepaar Tschurtschenthaler) oder Edwin Hochmuth und Monica Anna Cammerlander (als die herzhaft und komisch zänkischen Rabensteiners).

Brillant in seiner Bösartigkeit ist Oliver Jaksch als Oberfaschist Podestá, der kein deutsches Wort duldet. Und Francesco Cirolini ist als Wirt Paul Kofler begnadetes Schlitzohr, Plappermaul und Aufwiegler in Personalunion.

An diesen Theaterabend wird man sich noch lange erinnern. In Telfs und weit darüber hinaus.