Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.07.2019


Bühne

Pyjamaparty für den Weltfrieden

Mit Mozarts „Idomeneo“ startete das Salzburger Opernprogramm. Die Regie von Peter Sellars geriet naiv, Dirigent Teodor Currentzis blieb zu blass.

In Salzburg verschmutzen die Meere in Mozart-Opern: Plastikmüll für „Idomeneo“, mit dem Regisseur Peter Sellars Umwelt- und Flüchtlingskrise thematisiert.

© APAIn Salzburg verschmutzen die Meere in Mozart-Opern: Plastikmüll für „Idomeneo“, mit dem Regisseur Peter Sellars Umwelt- und Flüchtlingskrise thematisiert.



Von Stefan Musil

Salzburg – Die Probleme der Welt sind sehr komplex. Das weiß auch Peter Sellars. Davon berichtete er am Samstag in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele. Am Abend folgte dann in seiner Inszenierung die erste Oper des Sommers, „Idomeneo“.

Mozart verhandelt darin vor allem einen Vater-Sohn-Konflikt, wenn der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende Idomeneo einen Sturm nur überlebt, indem er Neptun das erste Wesen, das ihm begegnet, als Opfer verspricht. Es ist sein Sohn Idamante. Doch Sellars nutzt Neptun, Sturm und Meer für Klimakrise, Meeres­verschmutzung und Generationenkonflikt zwischen der Jugend – Greta Thunberg! – und der an den Schalthebeln der Weltzerstörung sitzenden Elterngeneration. Dazu noch Flüchtlingskrise. Siehe Trojanischer Krieg. So manifestiert es Sellars in seiner Rede wie im Programmbuch. Allein, auf der Bühne findet das alles nicht statt. Da haben sich zwar alle ganz furchtbar lieb. Stehen adrett herum, liegen am Boden, machen kitschig auf zwischenmenschlich oder müssen sich hysterisch schlängeln und verbiegen, wie die arme Elektra in ihrem finalen Ausbruch. Nicole Chevalier singt ihre „D’Oreste, d’Aiace“-Arie dennoch mit grandiosem Furor und zählt gemeinsam mit der glockenhell lyrischen Ilia von Ying Fang zu den einsamen sängerischen Freuden an diesem Abend.

Natürlich vollführen die Darsteller immer wieder die für Sellars obligaten Choreographien. So wie auch der grandiose musicaAeterna Choir of Perm Opera sich reichlich in Gemeinschaftsturnen üben darf. Solches hat längst seine Kraft verloren. Sellars meint sicher alles ganz ehrlich und gut. Doch es hat keine Wirkung (mehr). Es tut nichts zur szenischen Sache. Dazu kommen noch die reichlich albernen Kostüme von Robby Duiveman. Der etwa die einheimischen Kreter in blaue und die Flüchtlinge aus Troja in braune, kindlich camouflierte Pyjamas gesteckt hat. Bühnenbildner George Tsypin konnte für die zum Umweltepos umgemogelte Oper Elemente wie die aus dem Boden fahrenden Lichtpoller, noch aus „Le clemenza di Tito“ von vor zwei Jahren, recyceln. Zu diesen Resten hat er seltsame transparente Körper neu hinzuerfunden. Sie erinnern an ausgeblichene Meeresorganismen, gläserne Kugelfische oder einfach an Plastikmüll, der herumliegt oder über der Bühne schwebt.

Neben Nicole Chevalier, Ying Fang und dem Chor sitzt dann mit dem Freiburger Barockorchester der vierte große Trumpf des Abends im Orchestergraben. Es könnte jedoch besser gefordert werden, als vom sektiererisch verehrten Teodor Currentzis, der, wie vor zwei Jahren beim „Titus“, wieder die musikalischen Zügel führt. Wie erwartet, lässt er gehörig exzentrisch und originalklänglerisch inspiriert musizieren. Doch die Spannung will sich kaum einstellen, da können die Freiburger noch so schön im Stehen spielen, die Hammerklavieristin wie wild über die Tasten flitzen, Tempi extrem langsam oder extrem schnell kommen, unverschämt lange Pausen eingelegt oder ziemlich arg gekürzt und Arien brutal aneinandergeklebt werden. Musikalisch bleiben dazu weitere Wünsche offen, denn Russell Thomas gibt einen auch stimmlich eher gebrochenen Titelhelden und Paula Murrihys Idamante liefert vor allem schiefe Töne. Das Schlussballett als samoanische Folklorenummer ist dann nur noch ein wenig buntes Mikroplastik auf dem herzigen Versuch, Umwelt-, Flüchtlings-, Klimakrise und Weltfrieden in Mozart zu fassen.