Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.08.2019


Salzburger Festspiele

Tankstelle der Verdammten: Mama Medea gibt Gas

Salzburger Festspiele: Cherubinis „Médée“ als furioser Amoklauf einer Mutter.

Eine verstoßene Mutter kämpft um ihre Kinder. Médée (Elena Stikhina) fleht ihren Ex Jason (Pavel Cernoch) an.

© APAEine verstoßene Mutter kämpft um ihre Kinder. Médée (Elena Stikhina) fleht ihren Ex Jason (Pavel Cernoch) an.



Von Stefan Musil

Salzburg – Korinth liegt diesmal in Salzburg. Médées Söhne plantschen im Salzkammergutsee. Alles ist da noch in Ordnung zwischen Jason und der Königstochter aus Kolchis, die ihm geholfen hat, das Golden­e Vlies zu stehlen. Danach kamen Flucht nach Korinth, Ehe und Kinder.

Doch Medea wurde abserviert. Zugunsten von Dircé, Königstochter in der neuen Heimat. Eine gute Partie für Jason. Diese Vorgeschichte sieht man im Großen Festspielhaus im breiten Schwarzweißfilm, bevor sich der Vorhang öffnet und Dircé mit Freundinnen bei der Hochzeitskleid-Anprobe Champagner schlürft.

Simon Stone, der die „Medea“ des Euripides erst jüngst am Wiener Burgtheater ins Heute holte, hat jetzt die veroperte „Médée“ zeitgerecht aufbereitet. Video und Bühnenspiel machen auf großer TV-Film. So wie Médée hier am zerbrochenen Glück verzweifelt, eine Verlassene, Ausgestoßene ist. König Créon verweigert ihr Asyl. Nur kurz darf sie ins Land, ein letztes Mal die Söhne sehen, die ihr der Opportunist Jason an einer Bushaltestelle übergibt. Das ist fatal.

Stone spannt das alles gekonnt als Tragödie einer verzweifelten Mutter auf, die immer mehr in die Enge getrieben wird. Zwischen Filmsequenzen, auf der großartigen Bühne von Bob Cousins, die mit Blenden ebenfalls filmartig agiert, lässt er Médée ins Ende rasen. Sie hat seine ganze Sympathie.

Für Beethoven und Kollegen war Cherubinis Oper großes Vorbild. Und ohne Maria Callas, die sie 1953 wiederbelebte, wäre „Médée“ wohl nur noch eine Fußnote zum „Fidelio“. Doch zuletzt wurde „Médée“ wieder vermehrt gespielt. In Berlin mit Sonya Yoncheva, die auch in Salzburg vorgesehen war, aber schwanger wurde. Die jung­e Russin Elena Stikhina ersetzt sie nun – und begeistert. Mit ihrem großen, sattelfest strahlenden Sopran meistert sie die anspruchsvolle Partie großartig. Selbst wenn ihr in der Salzburger Fassung, die sich ans Uraufführungsoriginal von 1797 hält, einiges am finalen Furor späterer Bearbeitungen verwehrt bleibt.

Beim Hochzeitsdinner davor schleicht sich diese Médée als Servierkraft ein, ersticht Dircé und Créon, und flieht mit ihren Buben. Endstation ist eine Tankstelle. Als Jason herbeieilt, spritzt Médée wild mit Benzin um sich, steigt zu den Söhnen in den Wagen und zündet sich an.

Stones Konzept sorgt nicht gerade für intellektuelle Höhenflüge, aber zumindest für einen handwerklich exzellenten, unterhaltsamen Opern-Suspense. Das ist schon viel für diese kaum inszenierbare Oper.

Nur Thomas Hengelbrock erweist sich am Pult der Wiener Philharmoniker als problematisch. In absurden Tempi hetzt er das Orchester hyperverspannt in die Ouvertüre. Selten hat man diese Musiker so farb- und glanzlos, so verkrampft stumpf gehört. Hengelbrock stürmt durch den kurzen Abend; allzu viel an Klang, Präzision, Koordination und Spannung bleibt auf der Strecke.

Der Wiener Staatsopernchor liefert dagegen ordentlich ab. Und rund um Stikhina gruppiert sich eine solide gecastete Besetzung. Rollengerecht und fesch ist der brav­e, etwas unprofilierte Jason von Tenor Pavel Cernoch ausgesucht, kompakt schraubt sich Rosa Feola in die Höhen der Dircé. Alis­a Kolosova gibt der Néris sauberes Mezzoformat. Eher unauffällig tönt der Créon von Vitalij Kowaljow auf diesem „Tatort Korinth“, der das Publikum, dem ungetrübten Jubel nach, bestens unterhalten kann.