Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.08.2019


Salzburger Festspiele

Gorkis „Sommergäste“: Eiterbeulen in der Seele

Maxim Gorkis Stück „Sommergäste“ feierte auf der Pernerinsel in Hallein im Rahmen der Salzburger Festspiele Premiere. Ein erschreckend zeitgemäßes Stück, das von einer narzisstischen Gesellschaft erzählt.

Rauschhaftes Tanzen zu harten Beats: Die Sommergäste in Gorkis gleichnamigem Stück erleben den Exzess als Freiheit für den Moment.

© SF/Monika RittershausRauschhaftes Tanzen zu harten Beats: Die Sommergäste in Gorkis gleichnamigem Stück erleben den Exzess als Freiheit für den Moment.



Von Gerlinde Tamerl

Hallein — In der blank geputzten Bonzenvilla des Rechtsanwalts Sergej Bassow und seiner Frau Warwara ist überdrehtes Gelächter zu vernehmen. Das betuchte Paar empfängt seine ebenso wohlhabenden Gäste mit affektierten Luftküsschen und angeberischem Smalltalk.

So beginnt das Stück „Sommergäste" des russischen Schriftstellers Maxim Gorki (1868—1936), das am Mittwoch Abend im Rahmen der Salzburger Festspiele auf der Pernerinsel in Hallein Premiere feierte. Der 1980 in Kasachstan geborene Evgeny Titov führte Regie. Es ist eine große Leistung, dass der Achtunddreißigjährige nur fünf Wochen vor Probenbeginn für die erkrankte Mateja Koleznik einsprang.

Gorki erzählt von der Zusammenkunft einiger Intellektueller und dreier wohlhabender Paare, die sich während ihrer Sommerfrische eine schöne Zeit gönnen wollen, doch wie so oft im Urlaub, kippt die Stimmung: In Wirklichkeit sind nämlich alle Anwesenden todunglücklich und sehnen sich nach ungeteilter Aufmerksamkeit und Liebe. Und so liefern sich die hedonistischen „Partypeople" nicht nur wilde Saufgelage, sondern auch heftige Wortgefechte, die in einem unerbittlichen Seelenstriptease münden.

In diesem Stück wird viel und unentwegt lamentiert, was die Geduld der Zuhörer auf eine harte Probe stellt. Man wird Zeuge zermürbender Beziehungsdiskussionen, deren Inhalte sich erstaunlich zeitgemäß anhören, aber leider ins Leere führen. Die kinderlose Warwara etwa, authentisch verkörpert von Genija Rykova, hat für ihren notorisch betrunkenen und lieblosen Mann Sergej nur bloße Verachtung übrig. Auch Olga und Kirill haben scheinbar unlösbare Beziehungsprobleme: Olga fühlt sich von ihrem Mann missachtet und im Stich gelassen. Überzeugend spielt Mira Partecke die überforderte Vollzeitmutter, deren notorisch erschöpfter Arztgatte keine Kraft aufbringen will, sich seiner Frau liebevoll zu widmen. Ingenieur Suslow hingegen verfolgt die Affäre seiner lebenshungrigen, etwas verrückt anmutenden Frau Julija (Dagna Litzenberger Vinet) zähneknirschend. Dagna Litzenberger Vinet verkörpert eindringlich die zum Sexobjekt degradierte Frau, die allen Männern nur mehr als Verführerin begegnen kann. Die Südtirolerin Gerti Drassl spielt eine esoterische Dichterin, die sich von den Männern aus Selbstschutz abwendet, aber trotzdem unglücklich bleibt.

Eines haben diese Protagonisten gemeinsam: Sie sind unglücklich, reden viel, handeln aber nicht. Zwischen all dem Gezanke wird der aufmerksame Zuhörer mit erkenntnisreichen Sätzen belohnt. Wenn Gorki etwa Menschen mit Eisschollen vergleicht, die orientierungslos im eiskalten Meer umherdriften, dann wird klar, dass er die intellektuelle Oberschicht, die sich „nur in Fetzen von Bücherweisheiten hüllen" vor der drohenden russischen Revolution (1905) warnen wollte. Doch Gorkis Figuren ignorieren die politischen Warnsignale. Bis auf Warwara zelebrieren sie narzisstische Selbstfixierung und flüchten sich in den Rausch. Nur im Exzess fühlt sich die Meute frei. Besonders stark ist dieser Zustand in einer Szene dargestellt, bei der einige Schauspieler sich einem Sound mit harten Beats hingeben. Von dieser Musik wird man als Zuhörer so mitgerissen, dass man sein Herz laut schlagen hört.

Trotz dieser starken Momente mangelt es dem Stück, das über zwei Stunden dauert, aber an Geschlossenheit. Statt eine dramaturgische Wende zu erzeugen, zerfällt es in lose aneinandergereihte Episoden. Grandios gelungen ist hingegen das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt, das sich fast unbemerkt verschiebt und damit die schleichend-destruktiven Veränderungsprozesse perfekt visualisiert.

Gorki zwingt sein Publikum dazu, ganz genau in den Abgrund zu blicken, und tatsächlich sollte man sich diesen erschreckend zeitgemäßen Dialogen aussetzen. Sie zeigen, dass Ignoranz, Empathielosigkeit und Narzissmus abstumpfen lassen, auch politischen Veränderungen gegenüber. Eine erhellende, wenn auch beängstigende Erkenntnis.