Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 16.08.2019


Bühne

Mitterers “Silberberg“: Die Schauwerte einer wankenden Welt

Ein Auftragswerk mit Bildungsauftrag: Felix Mitterers „Silberberg“ wurde in Schwaz uraufgeführt.

Bildgewaltige Tableaus auf beeindruckender Bühne: „Silberberg“ vor der Pfarrkirche Schwaz.

© NiederwolfsgruberBildgewaltige Tableaus auf beeindruckender Bühne: „Silberberg“ vor der Pfarrkirche Schwaz.



Schwaz – Es hat gedauert. Angekündigt war die Uraufführung von „Silberberg“, Felix Mitterers Historienspiel über Schwaz als spätmittelalterliche Silberschürferhochburg, zunächst für den Sommer 2018. Geworden ist es 2019. Am Mittwochabend kam das Stück zur Premiere. In prunkvollem Rahmen. Vor das mächtige Portal der Pfarrkirche Schwaz hat Bühnenbildner Karl-Heinz Steck für Markus Plattners Inszenierung eine Bühnen­schräge gestellt, in deren Mitt­e eine Holzwippe steht. Eine Waage, wenn man so will, als einfaches, aber eindrückliches Symbol für den Kern des Stücks: Die Welt ist aus dem Gleichgewicht, es wird permanent ge- und verhandelt, es gilt den größtmöglichen Gewinn herauszuschlagen. Zumeist auf Kosten derer, die im Berg nach jenen Steinen suchen, die die Welt, die die Reichen dieser Welt reicher machen.

Im 16. Jahrhundert ist Schwaz eine Bergbau­metropole – und, mit heutigen Worten gesprochen, ein sozialer Brennpunkt: Die Knappen begehren auf, gegen weltlichen und geistlichen Führungsanspruch. Wobei die hochherrschaftliche Machtbehauptung von Fürst und Fürstbischof nicht nur von unten bedroht wird: Geld regiert die Welt – und wer zahlt, schafft an. Der Kaufmann Jakob Fugger zum Beispiel, bei dem Staat und Kirche in der Kreide stehen.

Im Grunde ist es ein Welttheater des sich Bahn brechenden Kapitalismus, das Mitterer mit „Silberberg“ vorschwebt. Dramatisch zu fassen kriegt er das Thema aber nicht. Aspekte – vom päpstlichen Postenschacher über Ablasshandel bis zu Reformation und Bauernaufständen – werden in langen und bisweilen langatmigen Monologen gesetzt – und nach dem Motto „Lasst mich zuerst von Papst Leo X. erzählen ...“ abgehandelt. Frontalunterricht also. Nicht nur für die revolutionsbereiten Knappen, sondern auch fürs Publikum. So viel Bildungsauftrag ruft nach einer kraftvollen inszenatorischen Hand, die es vermag, die aufgesagten Fakten in Erfahrbares zu verwandeln. Zumal Mitterer seinen Figuren kaum Raum zur Entwicklung lässt: Schuft bleibt Schuft, Heilige Heilige.

Markus Plattner, der schon Mitterers „Passion“ in Erl verantwortete, setzt dabei ganz auf die Kraft der Bilder: Er stellt figurenreiche Tableaus auf die Bühne, die er nach und nach durch Bewegung und Klang belebt. So wird die Geschichtsstunde zum an Schauwerten reichen Überwältigungstheater mit unheilverkündendem, beinahe opernhaftem Score (Christof Kammerlander), expressivem Licht (Ralph Wapler) und ganz großen Gesten. Mit seinem gut 40-köpfigen Ensemble hat Plattner intensiv gearbeitet. Es macht seine Sache gut. In den dankbarsten, weil konturiertesten Parts ragen Tobias Horvarths harmlos-heimtückischer Landesfürst und Peter Wolf als dahinsiechender Fürstbischof heraus. (jole)