Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.08.2019


Bühne

“Liliom“ bei Salzburger Festspielen: Underdog im Maschinenraum

Eindrückliches Debüt bei den Salzburger Festspielen: Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó leuchtet Ferenc Molnárs Vorstadtdrama „Liliom“ neu aus.

Jörg Pohls Liliom ist ein Rummelplatz-Strizzi zwischen fragiler Spieldosen-Figur und Gewalttäter, eingerahmt von Julie (Maja Schöne) und Tochter Luise (Paula Karolina Stolze).

© Matthias HornJörg Pohls Liliom ist ein Rummelplatz-Strizzi zwischen fragiler Spieldosen-Figur und Gewalttäter, eingerahmt von Julie (Maja Schöne) und Tochter Luise (Paula Karolina Stolze).



Von Bernadette Lietzow

Hallein – Der Mond, der über der handfest-romantischen Annäherung zwischen dem Karussellausrufer Liliom und dem Dienstmädchen Julie wacht, ruht in den metallischen Fängen eines der zwei Sechsachsroboter, denen Kornél Mundruczó in seiner Interpretation von Ferenc Molnárs „Vorstadtlegende in sieben Bildern“ breiten Bühnenraum gibt.

Imposante Effekte allein sind nicht die Sache des ungarischen Theater- und Filmemachers, der in den vergangenen Jahren unter anderem bei den Wiener Festwochen mit bemerkenswerten Arbeiten präsent war. Nach einigem Zögern, sich dem Klassiker seines Landsmannes zu widmen, stellte er am Samstag auf der Halleiner Perner-Insel seinen als Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg entwickelten „Liliom“ dem Salzburger Festspielpublikum vor. Die maschinellen Riesen-Greifarme errichten schon einmal, unter musikalisch ausgeführtem Ächzen und der gekonnten Federführung der lettischen Bühnenbildnerin Monika Pormale, das Stadtwäldchen und ziehen sich dann dezent zurück, wenn Julie (Maja Schöne) und ihre Freundin Marie (Yohanna Schwertfeger) gleichsam bis zum Orgasmus Schnurhüpfen praktizieren. Bald schon erscheint der von den beiden Frauen in seiner Ambivalenz zwischen rabiater Strizzi-Existenz und sensibler Brüchigkeit sehr wohl erkannte Liliom (Jörg Pohl), der jedoch, abweichend von der Vorlage, in Mundruczós Zugriff seinem „verpatzten“ Leben aus dem Jenseits entgegentritt. Dieses Jenseits, eine Art Vor-Himmel, wird bevölkert von einer Runde äußerst fideler Menschengestalten, einem sehr heutigen Engelschor, der den dort nach Selbstmord gestrande­ten Liliom zum Nachdenken über seine Verfehlungen zwingt. Vor die reale Welt der Erinnerung, der Welt all jener Personen, denen Liliom Glück wie Unglück war, schiebt sich, als Himmelsraum, immer wieder eine hohe, schmutzig-weiße Bretterwand, auf die der häusliche Gewalttäter als Strafaufgabe hundertmal „Ich bin Teil des repressiven Patriarchats“ kritzeln soll.

Den Chor hat Mundruczó aus Laien geformt, aus Menschen, die für den Regisseur Zeugnis unserer Lebensrealitäten ablegen. Sie ergänzen wie konterkarieren als gestrenge Bürokraten, als wahnwitzig-queere Ballett-Truppe mit Schwanensee-Ambition, als Mahner, das feinstdosierte Spiel des brillanten Darsteller­ensembles. Dieses lustvolle Miteinander und das Ineinanderfließen zeitgenössischen Nachdenkens über die Figur des Liliom und des klugen Belassens des Stückes in seiner Entstehungszeit kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert erzeugen eine fühlbare Ergriffenheit.

Schonungslos erforscht werden die unterschiedlichen Spielarten von Beziehungen: die Liebe, die Liliom und Julie so übergroß trifft, dass man sich mit männlicher Gewalt und weiblicher Resignation ihrer zu erwehren sucht. Jörg Pohl und Maja Schöne drehen auf diesem Gefühlskarussell immer rasender ihre Runden. Die Verzweiflung über die prekär­e Existenz gibt da der üblen Gewissheit die Hand, die schwangere Frau schlage­n zu dürfen. Tatbestände, die nach wie vor nicht überwunden sind. Mit der Ringelspielbesitzerin Frau Muska­t (großartig souverän: Oda Thormeyer) verbindet Liliom eine „Dienst“-Beziehung, der die Kündigung folgt, als die ältere Geschäftsfrau die Ernsthaftigkeit der Liebe zu Julie erkennen muss. Yohanna Schwertfegers verspielt-pragmatische Marie schließlich gibt das Verlangen nach der allumfassenden Hingebung an der Garderobe der kleinbürgerlichen Glücksvorstellung ab und ehelicht den soliden Wolf Beifeld (Julian Greis, der auch im Himmel sehr gute Figur macht!).

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Sandra Flubachers Frau Hollunde­r, die dem arbeitslosen Paar Liliom und Julie Obdach in ihrem Spanplatten-Container bietet, ist hier dadaistische Fotografin mit Plastikkrokodil. In dessen Wasser-Bassin landet Tilo Werner, der den Kleinganoven Ficsur, der Liliom zum Raubmord anstiftet, finster und ziemlich räudig anlegt. Menschen-Bilder sind Mundruczós Obsession, überwältigend die sich in eine Schneekugel verwandelnde Riesenblase, vor der Liliom bei einem letzten Erdenbesuch von Julie und seiner Tochter Luise (imposant verkörpert von Paula Karolina Stolze) mittels Schnurhüpfen sein Herz zum Schlagen bringen soll. Bravos und Begeisterung!




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